Oldenburg - Träume, so nahm man immer an, dauern nur ein paar Sekunden. Dann warteten Traumforscher mit neuen Zahlen auf. Auf bis zu 45 Minuten könnten sich die virtuellen Erlebnisse dehnen. Jetzt gibt es eine neue Marke. Drei Stunden Traumzeit, und die auch noch zweimal, hat das Staatstheater seinen Besuchern beschert.
Im Minutentakt
Geht es nach Christian Firmbach, dann bildeten die beiden ausverkauften Vorstellungen „Vorhang auf“ im Großen Haus nur den Anfang einer Traumreise durch eine ganze Spielzeit. „Und auch noch für die nächsten Jahre“, schiebt der neue Generalintendant nach. In der Tat lässt die Vorstellung der neuen Ensemblemitglieder viel Raum für Erwartungen, Illusionen und Visionen.
Beim größten Personalwechsel seit acht Jahren sind vom bisherigen Sängerstamm nur Publikumsliebling Paul Brady und der altgediente Henri Kiichli übrig geblieben. Neu ist auch die gesamte Ballett-Compagnie. Im Schauspiel mischen sich Gebliebene und Ankommende etwas ausgeglichener. Die niederdeutsche Sparte ist naturgemäß bodenständiger.
Der Ehrgeiz der Dramaturgie, fast alle neuen Gesichter zu präsentieren, scheint verwegen. Aber der Kraftakt gelingt derart, dass drei Stunden wie im Fluge vorbeirauschen. „Speedacting“ heißt die Zauberformel fürs Schauspiel. In drei Blöcken deuten 16 Akteure im Minutentakt Charakterprofile an. In einem Pas de deux wecken Nicol Omezzolli und Lester Alvarez Neugier auf das, was das Tanztheater von Honne Dohrmann als Erbe hinterlassen hat.
Frischer Wind
Die Oper beherrscht mit dem begleitenden Staatsorchester unter nicht weniger als sieben wechselnden Dirigenten die Bühne, auch mit dem neuen 1. Kapellmeister Vito Cristofaro. 17 Ouvertüren, Arien, Chorwerke und Ensembles zwischen Händel und Bernstein stehen im Programm. Aus der Ära Müller heraus sind die Ansprüche ans Musiktheater in Oldenburg enorm hoch. Die Botschaft: Im frischen Wind segeln Talente, die Lebhaftigkeit und hohe Qualität verheißen.
Sehr sauber geführt und auch schon mit charakteristischem Timbre ausgestattet sind Soprane und Mezzos wie bei Yulia Sokolik, Valda Wilson, Nina Bernsteiner, Hagar Sharvit oder Alexandra Scherrmann. Erkrankt ist leider am Galaabend Melanie Lang. Dazu zwei Tenöre in einem lockeren Wettstreit, Nicola Amodio und Philipp Kapeller, sowie der Bariton Tomasz Wija. Schließlich der in Arrigo Boitos „Mefistofele“ fast dämonische Bass Peter Kellner. Die meisten treten ihr erstes festes Opern-Engagement an. Wie hoch der Anspruch ist, lassen die umjubelten Anna Avakyan und Alexander Murshov im Puccini-Duett aus „La rondine“ spüren: Sopran und Tenor stehen im neuen Opernstudio noch in ihrer weiteren Ausbildung.
Die Traumfabrik Staatstheater hat viel vor. Wer Visionen habe, so hat mal Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt geraunzt, der solle gefälligst zum Arzt gehen. Die Oldenburger sparen sich diesen Weg. Sie gehen in ihr Theater – und genießen ihre Visionen.
