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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wolf Schneider Wird 90: Vom Hottentottenstottertrottel

30.04.2015

Hamburg Deutschland hatte kapituliert. Es war der 7. Mai 1945, Wolf Schneiders 20. Geburtstag. Zum Feiern war ihm nicht. Er stand mit einer Pistole in der Hand in der holländischen Hafenstadt Ijmuiden, hatte Angst vor dem, was nun kommen würde und grübelte, ob er sich erschießen soll. Aber dann schleuderte er die Waffe weg. Keine schlechte Idee für eine Autobiografie, nicht mit den Höhepunkten anzufangen, sondern mit dem Tiefpunkt, an dem fast alles zu Ende gewesen wäre.

Von den Höhepunkten ist in Schneiders neuestem Buch „Hottentottenstottertrottel“ noch genug die Rede: von den Jahren als Redakteur und „Streiflicht“-Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“, der Zeit als Korrespondent in Washington, als Chef vom Dienst beim „Stern“, Moderator der NDR-Talkshow, Leiter der Hamburger Journalistenschule und erfolgreicher Sachbuchautor.

Zum „Stern“ kam Schneider 1966 auf ausdrücklichen Wunsch von dessen erfolgsverwöhntem Chefredakteur Henri Nannen (1913–1996). Da war wohl so etwas wie gegenseitiger Respekt. Schneiders Urteil heute ist durchaus kritisch: „Nannen war ein zu großer Mann, um auch noch ein angenehmer Mensch zu sein.“ Er sei zwar von höchster Intelligenz gewesen, „aber völlig unbelesen und rabiat dazu“. Immerhin: „Noch im Gebrüll verwendete er mit klangvoller Stimme korrekte Konjunktive.“

Wörter machen Leute

Auch über seine Jahre beim Springer Verlag ab 1971 erzählt Schneider in der Rückschau, ohne zu beschönigen: Erst sollte er für den Verlag ein Nachrichtenmagazin entwickeln, dann als Chefredakteur die „Welt“ leiten – beides hatte keinen Erfolg. Als er den Posten bei der „Welt“ räumen musste, kamen ihm die Tränen. Gleich darauf kaufte er Champagner – unterkriegen lassen wollte er sich auch diesmal nicht.

Und noch beim Champagnertrinken mit seiner Frau fiel der Beschluss, nun eben ein Buch über Sprache zu schreiben: „Wörter machen Leute“ hieß es und legte den Grundstein für Schneiders Karriere als „Sprachpapst“.

Geschadet hat es auch für die nächste Aufgabe nicht: Als Gruner & Jahr 1978 die Hamburger Journalistenschule gründete, fragte Nannen bei Schneider an, ob er sie nicht leiten wolle.

„Der Schneider ist zwar ein Arschloch, aber er ist der Einzige, der das kann“, soll Nannen im Verlag gesagt haben. Schneider hielt das für ein Kompliment, mit dem er leben konnte. Es wurde „die längste, die befriedigendste Station meines Berufslebens“. Und als sie nach 16 Jahren zu Ende ging, war er 70 und zog nach Mallorca.

„Hottentottenstottertrottel“? Der Titel klingt rätselhaft. Und das soll er auch. Schneider erklärt ihn gleich zu Anfang: Ausgerechnet er, der Sprachkönner und Meister der geschliffenen Rede, hatte als Kind beim Sprechen Ladehemmungen. Als Zehnjähriger brachte er oft kein Wort heraus, wenn er etwas erzählen wollte.

Gebürsteter Widerspruch

Demütigend war das – und Motivation, etwas dagegen zu tun: Den Zungenbrecher, der mit „Hottentottenstottertrottel“ begann und noch viel länger war, hat er wieder und wieder geübt, bis er ihn temporeich beherrschte. Noch Jahre später hat er ihn vor Vorträgen, Seminaren oder Fernsehauftritten vor sich hergesagt, manchmal auf der Herrentoilette.

Nein, ein rasender Reporter war er nicht, schreibt Schneider über sich. „Ein Einzelgänger, ein Querdenker war ich mein Leben lang, auf Widerspruch gebürstet.“ Nun also wird er 90. Und hat er Rezepte fürs Altwerden? „Eher keine“, schreibt er. Allenfalls: „Hart arbeiten – fröhlich essen – fröhlich trinken – und nicht zum Arzt gehen, wenn’s nicht piekt.“

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