Rastede - Die Kooperative Gesamtschule Rastede (KGS) hatte am Sonntag zu einer „außergewöhnlichen literarischen Matinee“ ins Palais eingeladen. Auf dem Programm standen Lesungen aus dem „Journal – Erinnerungen aus dem literarischem Leben“ der französischen Schriftstellerbrüder Edmond und Jules de Goncourt. Der bekannteste französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist nach ihnen benannt.
Die Ausschnitte, die Ute und Peter Haffmans vorlasen, umfassten das gesamte Spektrum, das die Autoren in ihren „Tagebüchern“ behandeln. Es ging um das Thema Frauen (wird als sehr schwierig von den Brüdern bezeichnet), um Kunst (das inkompetenteste Geschwätz gibt es über die Malerei) und Literatur (wer sich in die Literatur verliebt hat, hat Frau und Kind nicht nötig).
An der Musik liebten sie die Frauen, die zuhören. Das Reisen lohne sich nicht, weil es mit zu vielen Unannehmlichkeiten verbunden ist. Aber sie seien trotzdem viel unterwegs. Berlin sei wie „eine amerikanische Kaserne gebaut“, aber „die Mädchen sind dort sehr schön“, während der deutsche Mann „aus Schwarzbrot geformt sein muss“.
Bei der Lesung standen Beobachtungen ebenso im Mittelpunkt, wie rüde Äußerungen und kaltschnäuzige Gedanken. Auch der Tratsch und Klatsch aus dem Pariser Literatur- und Gesellschaftsleben des 19. Jahrhunderts kam zum Ausdruck. Mit einer brutalen Offenheit wurde über Sex geschrieben, was Ute Haffmans zwar durchaus delikat aber mit viel Witz vortrug. Die Existenzberechtigung der Frau wurde auf den „einmaligen wöchentlichen Besitz“ reduziert. Jules de Goncourt starb mit 40 Jahren an Syphilis.
„Seitenweise“ wurde über das filigrane „Nachtgeschirr“ aus der „Manufacture royale de porcelaine de Sèvres“ gelesen oder über die „kleinen Sträußchen“ auf dem „pot de nuit“ aus Meißner Porzellan. Die Texte zeugten von einer teilweise hohen „Genervtheit“ von der Gesellschaft, dadurch entsprangen ein gewisser Zynismus und Nihilismus. Zum anderen aber waren sie wieder voller Witz, Ausgelassenheit und mit Humor und Intelligenz verfasst. Man darf gespannt sein, ob es Hörbücher davon geben wird.
Im November 2013 waren das elfbändige Werk und ein Ergänzungsband erschienen. Der Verlag bezeichnet die „Tagebücher“ als „kulturhistorisches Dokument“, das zunächst gemeinsam von den beiden Brüdern erstellt wurde. Nach dem frühen Tod von Jules führte Edmond die Arbeit weiter.
Der Verlag hat 45 Jahre anschaulicher Beweise der französischen Gesellschaft in dieser Zeit zusammengetragen. „Ute Haffmans ist wahrscheinlich die einzige, die alle 7000 Seiten als Lektorin gelesen hat“, sagt Peter Haffmans, der Bruder des Verlegers Gerd Haffmans über seine Ehefrau Ute.
