Leon Nungesser ist seit 2012 Mitglied der Niederdeutschen Bühne. Seit 2017 ist er für die Jugendgruppe Tusculum verantwortlich.
Erste Theatererfahrungen sammelte der gebürtige Nordenhamer bereits im Theaterkurs an der Oberschule 1. Seither lässt ihn das Theater nicht mehr los.
Nach seiner Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher, die er 2016 erfolgreich abschloss, hat Leon Nungesser begonnen, an der Universität in Hildesheim Szenische Künste zu studieren.
„Frühlings Erwachen“ war bereits seine dritte Inszenierung für die Niederdeutsche Bühne.
Seit wann sind Sie im Jugendtheater tätig?
Leon NungesserIch bin Mitglied an der Niederdeutschen Bühne seit 2012. Anfangs habe ich bei Abendstücken der Erwachsenen, aber auch bei den Jugendlichen mitgespielt. 2017 habe ich dann die Jugendgruppe übernommen.
Was sind Ihre Aufgaben bei der Arbeit mit den Jugendlichen?
Leon NungesserAls ich die Gruppe übernommen habe, haben wir zuerst eine Gruppenfindung gemacht. Die Gruppe bestand aus komplett neuen Leuten, da ist es wichtig, sich erstmal kennenzulernen. Wir haben uns anfangs gefragt, was Theater überhaupt bedeutet und erstmal ein halbes Jahr lang theaterpädagogische Übungen gemacht, bevor es mit den Proben losging.
Spielen Sie auch noch selber Theater oder sind Sie nur noch für die Regie der Stücke zuständig?
Leon NungesserIch würde schon gerne wieder selber spielen wollen, aber die Regie reizt mich einfach mehr.
Was macht Ihnen denn so viel Spaß an der Regie?
Leon NungesserIn der Regie muss man jede einzelne Figur im Kopf haben. Als Regisseur muss ich schauen, wie derjenige, der eine Figur verkörpern soll, diese Figur überhaupt sieht. Vielleicht hat die Person eine ganz andere Sicht auf diese Figur als ich. Diese beiden Sichtweisen müssen wir versuchen zu verbinden und einen Mittelweg finden, das ist sehr spannend. Mir macht aber auch das ganze Drumherum Spaß, also die Ästhetik und das Bühnenbild an sich. Ich denke mir aus, wie die Bühne aussehen soll und spreche dann mit dem Bühnenbauer über meine Ideen.
Sie verteilen also auch die unterschiedlichen Rollen an die Schauspieler?
Leon NungesserGenau, eigentlich ist das so. Bei meinem Stück „Frühlings Erwachen“ ist das aber etwas anders gewesen, weil es einfach ein sehr schwieriges Stück ist. Deswegen habe ich den Jugendlichen gesagt, sie sollen mir eine Rangliste aufstellen, welche drei Figuren sie am liebsten spielen würden. Erst dann habe ich mir Gedanken gemacht, wen ich in welcher Figur sehe. Da spielt dann natürlich auch Menschenkenntnis eine Rolle.
Das ist doch bestimmt nicht immer ganz einfach oder?
Leon NungesserDas Schwierige ist, dass man irgendwann anfängt, die Menschen in Schubladen zu stecken. Wenn jemand im letzten Stück eine sehr witzige Rolle gespielt hat und er das super gemacht hat, dann läuft man Gefahr, diese Person im nächsten Stück für einen ähnlichen Charakter zu besetzen. Vielleicht kann derjenige aber auch eine ganz andere Seite zeigen. Das gilt es herausfinden.
Das hört sich ja nach sehr viel Arbeit und Zeitaufwand an...
Leon NungesserJa das stimmt, da gehen schon einige Wochen bei drauf. Dafür muss man schon gemacht sein, man schaltet nie ab. Die Ideen kommen nicht, wenn ich am Schreibtisch sitze, sondern ganz nebenbei im Alltag, zum Beispiel unter der Dusche. Es könnte sein, dass wir jetzt über irgendetwas sprechen und mir spontan eine Idee kommt, dann müsste ich das Gespräch kurz unterbrechen und mir schnell die Idee aufschreiben.
Sie haben erst die Ausbildung zum Erzieher gemacht. Haben Sie währenddessen schon gemerkt, dass Sie das Theater nicht loslässt?
Leon NungesserJa, tatsächlich. Die Ausbildung zum Erzieher ist aber auch ein wenig theaterpädagogisch angehaucht gewesen. Wir haben im Rahmen der Ausbildung verschiedene Theaterstücke besucht. Damit bin ich dem Theater immer etwas treu geblieben und habe auch immer wieder gemerkt, dass mich das Theater reizt und es das ist, was ich machen möchte. Ich habe mich dann am Ende der Ausbildung für das Studium Szenische Künste in Hildesheim beworben und wurde auch angenommen.
Was haben Sie für Ziele neben und nach dem Studium?
Leon NungesserMir ist Praxis sehr wichtig. Ich arbeite jetzt zum Beispiel ab Oktober für sechs Wochen am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg. Dort habe ich auch schon mal ein Praktikum für das Studium absolviert. Während der Zeit, in der ich jetzt dort bin, bin ich als Regieassistent tätig und darf an der Seite eines anderen Regisseurs arbeiten. Dabei kann ich natürlich auch wieder super viel lernen. Nach meinem Studium hoffe ich, dass ich irgendwann mal in einem Theater arbeiten werde, gerne auch in Hamburg, da ich die Stadt sehr schön finde. Im Endeffekt ist es mir aber egal wo, Hauptsache ich arbeite im Theater. In meinen Augen sind das alles Künstler, die im Theater tätig sind. Ich mag diese Stimmung, die dort herrscht und fühle mich dort sehr wohl.
Was ist für Sie das Schöne an der Arbeit im Theater?
Leon NungesserAuf jeden Fall die Arbeit mit den Menschen, aber auch die eigene Weiterentwicklung. Manchmal kommen nach einer Inszenierung Jugendliche auf mich zu und sagen mir, dass die Arbeit mit mir ganz viel Spaß gemacht hat und dass sie für sich etwas daraus gezogen haben, as ihnen auch im Privatleben weiterhilft. Da geht mir natürlich das Herz auf. Ich merke auch einfach, wie ich mich weiter entwickle. Wenn ich meine erste Inszenierung mit der jetzigen von „Frühlings Erwachen“ vergleiche – das sind Welten. In diesem einen Jahr habe ich schon so unglaublich viel dazugelernt, sowohl an der Uni im Studium, als auch hier in der Praxis. Bei der Premiere von „Frühlings Erwachen“ gab es Standing Ovations vom Publikum. Das ist für mich natürlich das schönste Kompliment, das ich bekommen kann.
Wie viele Personen sind Sie in Ihrer Gruppe und wer kann alles mitmachen?
Leon NungesserWir haben eine große Gruppe, für jede Inszenierung gibt es aber eine neue Zusammensetzung. In „Frühlings Erwachen“ haben jetzt 15 Jugendliche mitgespielt. Ich lehne niemanden ab. Im Alter von 12 Jahren bis Anfang 20 kann jeder mitmachen. Wir sind bemüht, junge Leute zu finden. Man muss auch kein Plattdeutsch sprechen können, um mitzumachen. Es gibt auch Leute die anfangs erstmal nur auf Hochdeutsch spielen. Mir ist aber wichtig, dass die Jugendlichen bereit sind, sich mit der Sprache auseinanderzusetzen und sich irgendwann vielleicht auch mal trauen, kleine Parts auf Plattdeutsch zu spielen. Das lernt man ja mit der Zeit, und man wird hier nicht alleine gelassen. Wir haben jetzt zum Beispiel auch eine Plattdeutsch-Patin gehabt, die bei den Proben dabei war und geschaut hat, wo etwas noch nicht ganz richtig ausgesprochen wurde.
Was ist Ihnen besonders wichtig bei der Arbeit mit den Jugendlichen?
Leon NungesserIch lege ganz viel Wert darauf, dass sich alle wohlfühlen. Wenn ich mal das Gefühl habe, jemandem geht es mit einer Situation gerade vielleicht nicht so gut, dann spreche ich denjenigen auch darauf an. Davon lebt Theater, jeder wird mit seinen Eigenarten und Macken akzeptiert, aber alle müssen zufrieden sein. Nur so kann man sich überhaupt auf eine Rolle einlassen.
