Oldenburg - Mit ländlicher Tristesse kennt sich Thorge Cramer aus. Er stammt aus Moorburg bei Westerstede. „Ein 200-Seelen-Dorf, in dem nicht viel los ist“, beschreibt der 19-Jährige seine Heimat. Vor elf Jahren ist seine Familie mit ihm nach Oldenburg gezogen. Weg aus der Provinz will auch Ben – er ist die Hauptfigur in der plattdeutschen Komödie „Pampa Blues“, die derzeit auf dem Spielplan der August-Hinrichs-Bühne am Staatstheater steht. Thorge Cramer spielt den Ben – es ist die erste große Hauptrolle für den 19-Jährigen auf der Bühne des Kleinen Hauses.
Dort heißt Moorburg „Wingroden“. Autor Rolf Lappert hat den Namen des fiktiven Ortes bewusst als Anagramm konzipiert. Wenn man die Buchstaben auseinandernimmt und neu zusammenfügt, kommt das Wort „Nirgendwo“ heraus. Ben will diesem Niemandsland entfliehen, schon lange schraubt er an einem VW Bulli herum, mit dem er nach Afrika will. Doch er bringt es nicht übers Herz, seinen demenzkranken Opa Karl zurückzulassen. „Ich kann mir gut vorstellen, was in diesem Ben vorgeht“, sagt Thorge. Vor dem Gedanken, seine eigene Oma, die ihn früher liebevoll „Schietbüdel“ genannt und die Freude an plattdeutscher Sprache in ihm geweckt hat, müsste ins Heim, „graust“ es ihn ebenfalls. Anders als Ben möchte er aber der norddeutschen Pampa nicht den Rücken kehren: „Dafür ist es hier doch viel zu schön.“
Schon als Neunjähriger stand Thorge Cramer das erste Mal auf den Brettern, die sprichwörtlich die Welt bedeuten. Seine Premiere feierte er in dem Stück „Pik As för den Dood“. Bühnenleiter Herwig Dust konnte den Nachbarsjungen damals dafür begeistern, beim „Platt’n’Studio“, der Talentschmiede der August-Hinrichs-Bühne, mitzumachen. Seitdem ist Thorge Feuer und Flamme für Plattdeutsch, auch wenn diese Sprache in seinem Freundeskreis kaum jemand spricht. Auch seine Freundin verschont er damit, „ich will sie ja nicht verstören“, schmunzelt der Oldenburger. Gleichwohl sei sie stolz auf ihn.
Bei der August-Hinrichs-Bühne sorgen „Sprachpaten“ dafür, dass der plattdeutsche Sprachschatz trotz des seltenen Praxisgebrauches schnell wieder aufgefrischt wird. Thorges großes Plus ist es, dass er sich Texte schnell einprägen kann: Bevor acht Wochen lang von montags bis sonnabends täglich geprobt wurde, habe er sich das Textbuch nur einmal angeguckt, verrät er: „Ich weiß bis heute nicht, wie ich das gemacht habe, dass der Text sitzt.“
Damit er sein Schauspielhobby mit seinem Job in einem Fast-Food-Restaurant verbinden kann, hat er seinen Chef mit einer Eintrittskarte „bestochen“. Zum 1. August will er eine Ausbildung im handwerklichen Bereich beginnen („fürs Büro bin ich zu hibbelig“) und danach eventuell eine Schauspielschule besuchen. Für Thorge Cramer ist die plattdeutsche Sprache „eine Bereicherung“: Auf diese Weise Schauspielerfahrung zu sammeln, habe ihm in seinem Leben bislang sehr geholfen.
In Rollen schlüpfen – das macht Thorge Cramer auch bei seiner zweiten großen Leidenschaft: Einmal im Jahr pilgert er ins hessische Diemelstadt, um mit tausenden Gleichgesinnten Fantasy-Freilufttheater im Stile von Tolkiens „Herr der Ringe“ zu spielen. Beim „LARP“ (Abkürzung für „LiveActionRolePlay“) stellt er inmitten von Zwergen, Orks und Elfen eine lebendige Vogelscheue dar. Die spricht nur ganz selten – und wenn, dann „Platt“.
