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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kino: Vom Stutzen alter Rauschebärte

01.03.2017

Hamburg Der Anfang ist stark. Ärmste Leute, Alte, Frauen und Kinder, sammeln im Wald herungergefallenes Holz, das sie als Brennholz brauchen. Einem Jungen wird verboten, einen Ast abzuknicken. Plötzlich hört die Gruppe ein Geräusch, näher kommend. Es sind, wie schnelle Schnitte im Film zeigen, böse Reiter mit Waffen, sie fallen über die Ärmsten der Amen her, die angeblich einen Frevel begangen haben, indem sie Holz aufsammelten, das irgendeinem Reichen oder Adligen gehörte.

Man fühlt mit den Unterdrückten des 19. Jahrhunderts. Die Szene emotionalisiert den Zuschauer, und das ist auch gut so, denn was anschließend im Spielfilm „Der junge Karl Marx“ folgt, kann diesen Schwung weder wiederholen noch halten. Der 1953 auf Haiti geborene Regisseur Raoul Peck („I Am Not Your Negro“) scheitert. Auf höherer Ebene, gewiss, aber gründlich.

Ungeschliffener Kerl

Die Absicht, zumindest, war gut: den wallenden Rauschebart und die Löwenmähne des alten Marx abzuschneiden. Marx mit seinem Freund Friedrich Engels auf die jungen Füße zu stellen, ihn in seiner politischen, finanziellen und persönlichen Krise zu zeigen. Sozusagen das Menschliche der Ikone.

Aber dann landen wir überwiegend in verrauchten Studierstuben, hören theoretisierenden Debatten der Weltveränderer zu, werden mühsam und ruckartig von Szene zu Szene bugsiert nach altdokumentarischer Art mit Untertiteln.

Marx ist Journalist und gerade mal 26, er schreibt sich langsam in die Berühmtheit. Er muss vor der Zensur von Trier nach Paris fliehen, wo er mit seiner hingebungsvollen Frau (Vicky Krieps) ärmlich haust, bis er 1844 Engels kennenlernt, diesen ganz anderen Typ: ein Dandy und Unternehmersohn, der sich die Rettung des Proletariats auf die Fahnen geschrieben hat.

August Diehl spielt Marx als ungeschliffenen Kerl, gegen den Engels (Stefan Konarske) smart und stramm durchgeistigt erscheint. Marx wirkt egoistisch, selbstverliebt, grob. Er will nicht interpretieren, er will verändern. Gemeinsam süppeln die beiden und schreiben am „Kommunistischen Manifest“.

Im Hinterstübchen

Nur zuweilen blitzen im wolkigen Debattierclub starke Szenen auf. Einmal stehen die Herren vornehm am Strand, und Frau Engels, eine irische Fabrikarbeiterin, erzählt, sie werde ein Leben lang kämpfen. Das wirkt absurd angesichts des hübschen Urlaubs und der nett über die Arbeiterbewegung parlierenden Männer. So stellt man sich realitätsferne Revoluzzer vor. Dies, wenigstens, gelingt dem länglichen Kostümfilm: Das Gegeneinander von Theorie und Privatheit aufzuzeigen. Hier futtert Marx mal eben Hummer, dort feiert er fürs Proletariat einen rhetorischen Sieg im Hinterstübchen.

Ein politisch-historischer Streifen? Nein, allenfalls ein biografischer Abriss, weder brillant noch komisch. Gestutzte Bärte und ewig diese komischen Zylinder auf dem Kopf ergeben noch keinen guten Spielfilm.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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