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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Von Anfang bis Ende nur ein Satz

06.12.2012

Freiburg /Leipzig Über die Bedeutung des ersten Satzes (und die Schwierigkeit, ihn zu formulieren) wurden schon Bücher verfasst. Heerscharen von Germanisten haben sich mit den ersten Sätzen von Klassikern der Literatur beschäftigt. Mit dem Roman der Freiburger Autorin Caroline Günther dürften sie aber Probleme bekommen, denn das Buch besteht komplett aus einem einzigen Satz – ohne Punkt, nur durch Kommas strukturiert. Was zugleich bedeutet, dass das Buch nach der letzten Seite und dem letzten Komma theoretisch wieder von vorne beginnt.

Leipziger Verlag

Der Roman „EinSatz“ von Caroline Günther ist im Leipziger Open House Verlag erschienen (19,90 Euro).

Gegründet wurde der noch junge Verlag von den Literaturwissenschaftlern Christiane Lang und Rainer Höltschl. In drei Reihen präsentieren sie deutschsprachige und internationale Gegenwartsliteratur, vergessene Klassiker und Sachbücher. Gestartet sind sie mit Caroline Günther und Babet Mader.

   

   www.openhouse-verlag.de

Diese Kreisform ist beim Debütroman der 31-Jährigen in jeder Hinsicht Programm. Sie hat sich nicht nur bei der Zeichensetzung beschränkt, es gibt auch keine Seitenzahlen. Stattdessen nur Gradangaben und ein offener Kreis oben am Seitenrand, dessen Öffnung sich immer weiter verschiebt, bis er am Ende seine Ausgangslage erreicht hat.

Bewusstseinsstrom

„Am liebsten hätten wir ein Ringbuch konzipiert“, sagt Rainer Höltschl, der vor etwas mehr als einem Jahr gemeinsam mit Christiane Lang den Open House Verlag in Leipzig gegründet hat und mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gestartet ist. Das formale Experiment seiner Autorin ist nicht gänzlich neu. Der französische Autor Mathias Énard hat mit seinem Roman „Zone“ Ähnliches probiert. Und natürlich fällt einem auch die Technik des inneren Monologs in „Ulysses“ von James Joyce ein.

Doch im Fall von Caroline Günthers Buch nimmt das Experimentieren mit dem Satz-Roman noch kein Ende. Zwar hat sich die Ringbuch-Idee aus Kostengründen zerschlagen, aber dafür sind alle Seiten mit einer gestrichelten Linie versehen, die es erlaubt, Seiten herauszutrennen und das Buch nach Gutdünken neu zusammenzusetzen. Dazu wird der Leser sogar aufgefordert, sofern er die Lektüre zum Basteln unterbrechen oder selbst etwas ergänzen möchte. Alles ist erlaubt.

Problemlos möglich wäre es zumindest, denn eine Handlung mit klar erkennbarem rotem Faden existiert nicht. Der Leser, der jederzeit einsteigen kann, verfolgt vielmehr den wilden, oft anklägerischen Bewusstseinsstrom eines Ichs mit verschiedenen, sowohl weiblichen als auch männlichen Perspektiven, unterbrochen nur von poetischen Rap-Passagen. Was komplex und kompliziert klingt, beim Lesen aber einen verblüffenden Sog entwickelt, sofern man die Herausforderung annimmt und sich darauf einlässt. Zumal sich der Schachtelsatz streckenweise zu Erzählungen ordnet, in denen sich eine Frau – Anfang 30 und alleinerziehende Mutter – durchs Leben schlägt.

Dass es da autobiografische Bezüge gibt, räumt Caroline Günther freimütig ein. Sie selbst ist alleinerziehend, hat eine achtjährige Tochter und arbeitet derzeit in vier verschiedenen Jobs. Auch dass die Geschlechter im Buch wechseln, hat mit ihr selbst zu tun: Sie hat Germanistik, Linguistik und Gender Studies (Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung) an der Universität Freiburg studiert. Sie habe sich beim Schreiben nicht auf ein Geschlecht festlegen wollen, erklärt sie, damit sich „möglichst viele Menschen mit dem Text identifizieren können“.

Am Anfang stand denn auch keine Figur, auch kein Plot, sondern lag nur die Form fest – ein Satz, der allmählich und assoziativ mit Inhalt zu füllen war. Und genau mit dieser Idee weckte sie das Interesse von Christiane Lang, die ebenso wie Höltschl zuvor in Freiburg gearbeitet hat – ausgerechnet in derselben Passage wie die Autorin. „Mach’ doch mal!“, forderte sie Caroline Günther auf.

50 Seiten ausgelassen

Das Ergebnis ist im Buchhandel erhältlich und hat bereits einige Lesungen hinter sich. Es funktioniere, erzählt die Autorin. Es seien keine Brüche hörbar gewesen, obgleich sie vor Publikum an die 50 Seiten ausgelassen habe. Womit sich der Einstieg ihres Romans bestätigt hat: „Und es ist auch egal, wo du einsetzt, es ist egal, wann du einsetzt“.

Für die nächste Lesung ist geplant, gemeinsam mit anderen vorzutragen – zum Teil synchron oder als Kanon. Erlaubt ist alles.

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