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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Von der geheiligten Ware Buch

11.02.2015

Berlin Peter Suhrkamp, der im März 1891 in Kirchhatten im Oldenburgischen geboren wurde, gründete fünf Jahre nach dem Kriegsende seinen eigenen Verlag, für den er mit Autoren wie Hermann Hesse, Bertolt Brecht und Max Frisch ein Fundament schaffen konnte. Aber der eigentliche Erfinder dessen, wofür sich der Ehrentitel „Suhrkamp-Kultur“ durchgesetzt hat, ist eine andere Verlegerpersönlichkeit: Siegfried Unseld, der ab 1959, nach dem Tod Suhrkamps, als persönlich haftender Gesellschafter der Suhrkamp GmbH und Co KG die alleinige Verantwortung übernommen hat.

Die vorliegenden beiden Bände der Unseld-Chronik sind ein lebendiges Zeugnis dafür, mit welcher Inspiration, welchem Ehrgeiz, kaufmännischen Geschick und Einfühlungsvermögen beim Umgang mit hochsensiblen Autoren wie Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Peter Handke, Uwe Johnson und anderen er das in Frankfurt residierende Haus Suhrkamp zur ersten Adresse für Autoren gemacht hat. Auch der soeben erschienene zweite Band kann als eine Art Autobiografie des weltoffenen Verlagsleiters gelesen werden, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass er je ein Talent übersehen hätte.

In einer Zeitperiode, in der man Kommerz und Kultur gern als Gegensätzen stilisierte, hat Unseld den Verlag durch alle kulturrevolutionären Stürme und wirtschaftliche Untiefen hindurch zu steuern vermocht. Der Verlagschef, der von sich sagte, „ich verlege keine Bücher, sondern publiziere Autoren“, hatte ganz offensichtlich das Geschick, die beiden feindlichen Brüder Geist und Geld wechselseitig voneinander profitieren zu lassen, durchaus zum Vorteil beider.

Am interessantesten sind die ausführlichen Reiseberichte, die Unseld bei und nach seinen zahlreichen Autorenbesuchen diktierte. So erfährt man durch die Lektüre sowohl etwas über die alltäglichen Nöte als auch die Ambitionen jener zahlreichen Verlagsautoren von Rang. Auch über ihren Marktwert gibt sich der Verleger Rechenschaft. In einem New Yorker Reisebericht heißt es beispielsweise: „Hans Magnus Enzensberger: Immer wieder wird nach ihm gefragt. Seine neuen Gedichte werden sicher sofort übertragen werden. Alexander Mitscherlich: Merkwürdigerweise ist Mitscherlich in Amerika kein Erfolg. Dagegen hat sich nun Walter Benjamin durchgesetzt.“

Der Dank für sein Engagement war dem Verleger alles andere als gewiss, wie beispielsweise der schmerzhafte Bruch der Freundschaft mit Max Frisch nach dessen in New York gefeierten 60. Geburtstag im Mai 1971 bezeugt. Der berühmte Autor, der in den USA nicht auf die gleiche Bewunderung wie in Europa stieß, hatte sich in einem Zornesausbruch lautstark darüber beklagt, seitens seines Verlages nicht ausreichend gewürdigt zu werden.

Unseld macht in seinen Aufzeichnungen keinen Hehl aus seiner Erschütterung über die 20 Minuten andauernde „Suada von Vorwürfen“: „Ich hatte bis zu diesem Datum immer darauf gebaut, dass es auch Freundschaft in der Beziehung zwischen Autor und Verleger geben könne, aber seit diesem Datum weiß ich, dass das vielleicht nicht oder nicht mehr möglich sein kann und dass ich mich darauf einstellen muss, das Rettungsmittel kann nicht Liebe sein, sondern nur Arbeit.“

Diese Chronik belegt auf beeindruckende Weise, dass für Unseld das Publizieren eine Leidenschaft war und er eine geradezu obsessive Bindung an seine Autoren hatte, mit denen er unentwegt das Gespräch oft bis in die Nachtstunden hinein suchte, den Meinungsaustausch bei nicht selten kulinarisch angereicherten Treffen pflegte. Kein Zweifel, das Suhrkamp-Archiv birgt Schätze. Dass sie gehoben werden, ist gut, denn sie erlauben überraschend neue Einblicke in die Zusammenhänge von Kultur- und Intellektuellengeschichte.

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