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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Von der Last einer Königin

23.05.2016

Oldenburg Der erste Eindruck: allerhand Giuseppe Verdi. Der zweite Eindruck: Lugt da nicht ganz dezent Harmonik im Sinne Richard Wagners hervor? Der dritte Eindruck: Bei einigen Kantilenen könnte Vincenzo Bellini Pate gestanden haben. Der bezwingende Eindruck: Da ist, um es mal locker zu sagen, fast drei Stunden lang richtig Musik drin.

Die ebenso hochdramatische wie lyrisch einschmeichelnde Musik hat 1849 der in Stockholm wirkende Italiener Jacopo Foroni (1825–1858) für die Oper „Christina, Regina di Svezia“ komponiert. Im Großen Haus des Staatstheaters erlebt das Epos eine künstlerisch hochrangige und stark gefeierte deutsche Erstaufführung. Es erhellt dichterisch frei die Geschichte der als Kind auf den Thron gesetzten Königin, die auf der Höhe ihrer Zeit abdankt und zur menschlichen Freiheit eines Kindes zurückkehrt.

Warum Foronis schmetternde Wucht, ihre intensiven und fein verästelten Charakterzeichnungen über 150 Jahre vergessen wurden, erschließt sich schwer. Seine Musik ist kein Verdi-Wagner-Bellini-Cocktail, sondern eine eigenständige Foroni-Klangrede. Sie protokolliert präzise die Psychologie von Macht und Machtverlust. Vielleicht fehlt ihr wirklich nur ein Hit, den man im Ohr mit nach Hause nimmt und nachpfeift.

Die Inszenierung von Michael Sturm mit der Bühnenausstattung von Stefan Rieckhoff setzt wie die Musik auf direkte Eingängigkeit und Vertiefung. Die Bühne besteht aus vielen Ahnenbildern und vielen Stühlen. Die Galerie unterstreicht die Last der Geschichte, die auf die Regentin drückt. Die Stuhlreihen künden von Ordnung am Hofe. Die Grundfesten stehen auch nach einer Rebellion mit neuen Herrschern noch sicher.

Der erste Eindruck: Das Bühnengeschehen unterstreicht ohne Umschweife die Musik, lenkt nicht ab, verstört nie. Der zweite Eindruck: Es ist eine der derzeit allerorten vom Publikum so geschätzten Wohlfühl-Inszenierungen. Die Methode wirkt etwas abgegriffen routiniert, aber man vergibt sich nichts dabei.

Hinreißend und klar abgesetzt bewegen sich Sängerensemble, Staatsorchester und Dirigent Vito Cristófaro zwischen einer äußeren prunkvollen und einer inneren von Gefühlen zerpflückten Welt. Miriam Clark, die Gast-Sopranistin von der Bonner Bühne, zieht als Christina mit ihrer starken Ausdruckskraft, ihrer Geschmeidigkeit und notfalls einer enormen Durchsetzungskraft gegen den ganzen Bühnenapparat alle in ihren Bann. Der Portugiese Paulo Ferreira als Gabriele de la Gardie bezwingt mit einem Tenor voller lyrischem Schmelz, feiner Differenzierung und wenig Anstrengung in der Höhe.

Das gesamte Ensemble bringt prächtige Stimmen ein, zeichnet eigene Charaktere überzeugend und überzieht nie deklamatorisch: Melanie Lang (Maria), Ill-Hoon Choung (Axel Oxenstierna), Daniel Moon (Carlo Gustavo), Tomasz Wija (Arnold Messenius) oder Philipp Kapeller (Johan). Chor und Extrachor (Einstudierung Thomas Bönisch) agieren stimmlich souverän in vielen Facetten zwischen Aufbrausen und Kommentieren.

Das Staatsorchester spielt die klangliche Opulenz wuchtig aus, ohne zu knallen. Schon bald sind auch die Streicher auf den geschmeidigen Belcanto-Ton geeicht. Besondere Hochspannung baut es durch jene langen, geradezu beredten Pausen auf, die zum Markenzeichen Foronis gehören könnten.

Der bleibende Eindruck: eine Genietat, ein Wagnis, das voll aufgeht. Diese Jacopo-Foroni-Show, vorher nur 2008 und 2013 kurz wiederbelebt, verrät spätestens in Oldenburg das Format einer großen Repertoireoper.


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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