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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Stück mit spannender Vorgeschichte

13.06.2016

Oldenburg Der Auftritt ist spektakulär, aber kurz: Den überwiegenden Teil der rund einstündigen Choreografie liegt der eigentliche Star und Anlass des Abends notdürftig zusammengerollt im Bühnenhintergrund. Die Plastikkugel, eine Art überdimensionierte Seifenblase, hat ihren Zweck erfüllt – vor der Uraufführung als mobiler Probenraum und während der Uraufführung als außergewöhnliches Bühnenbild, das schließlich in sich zusammensackt.

Für seine originellen Einfälle ist der Franzose Antoine Jully, Chefchoreograf am Oldenburgischen Staatstheater, hinlänglich bekannt. Er war mit seinen Tänzern kurzerhand in die Innenstadt Oldenburgs gezogen, um in seinem transportablen Ballettstudio vor und sogar mit Passanten die neue Choreografie zu entwickeln, quasi unter öffentlichen Laborbedingungen.

„City Moves“ (Stadtbewegungen) heißt das Ergebnis, eine durchweg abstrakte Choreografie, die den Rhythmus des Städtischen mit Körpern im Raum zu übersetzen sucht und dem Zuschauer zuweilen (zu) viel an Fantasie abverlangt. Dazu hat Jully eine reichlich unmelodische Collage aus Geräuschen und Textfragmenten abgemischt, die mitunter Straßenlärm suggeriert, elektronische Rhythmen einbindet sowie abgehackte Schnalz- und Klickgeräusche. Dann wieder dürfen die (zunächst) sieben Tänzer, drei Frauen, vier Männer, scharf zischen oder ihre Namen und Hobbys laut hinausschreien. Oder aber es herrscht völlige Stille, nur unterbrochen vom schweren Atmen der Tänzer.

Auch die Choreografie ist einer solchen Stille entstanden. Erst im Nachhinein hat Jully die Musik selbst komponiert und mit der Bewegung verbunden. „City Moves“ hat also eine spannende Vorgeschichte, die es im ersten, kürzeren Teil in der Seifenblase, bis auf die Bühne des Kleinen Hauses schafft. In der Enge der Kugel gleiten die Tänzer an den Plastikwänden hinauf und hinab, agieren mit der nachgiebigen Plastikhaut oder spielen mit dem begrenzten Platz: Wie biegsame Dominosteine stürzen sie zu Boden – von einem Körperteil zum nächsten.

Außerhalb der Kugel bleiben sie selbst in der Gruppe meist isoliert voneinander, so dass sich immer wieder solistische Figuren ergeben, die Körper zum Teil extrem verbogen, ein roboterhaftes, sich wiederholendes Spiel der Muskeln – mit Sicherheit eine strapaziöse physische Leistung des Ballettensembles.

Aber ob sich darin der Rhythmus einer City verbirgt, sei denn doch dahingestellt. In der auf Dauer enervierenden Monotonie der Geräuschkulisse kommt irgendwann der Punkt, an dem die Bewegungen scheinbar zur Endlosschleife gefrieren und die Aufmerksamkeit des Zuschauers nachlässt. Diese Momente hat Jully freilich vorausgeahnt und variiert sein Thema, lässt die Tänzer plötzlich als Individuen aus der Masse hervortreten oder erfindet einen neuen Bewegungsablauf, der mehr auf Tempo setzt.

Und ganz am Schluss zückt er seinen Joker. Fast möchte man ihn nicht verraten, aber ohne ihn ergäbe sich kein vollständiges Bild. Denn der Franzose ist nicht nur ungemein kreativ, sondern auch selbstironisch genug, sein Konzept zu unterlaufen. Und so stolpert die vierte Tänzerin auf Spitze und mit Tutu erschrocken auf die Bühne: „Oh, falsches Ballett!“. Was dann kommt, versöhnt Ohren und Augen: ein ausdrucksstarkes Pas de deux, viel Rhythmus – und wenig City.


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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