Berlin - Wenn die Friedliche Revolution 1989 wirklich eine friedliche Revolution war, so sind die Flüchtlinge aus der DDR in Richtung Westen ihre Vorboten und ungewollte Vorkämpfer von etwas, das die DDR infrage stellte. Selbst wenn die allermeisten nur ein persönliches Problem regeln wollten, markierten sie mit ihrem Handeln ein prinzipielles Problem: die Verfügungsgewalt eines Staates über seine Bürger.
Die Flüchtenden kamen aus der Mitte der Gesellschaft und aus ganz verschiedenen Schichten. Glückte ihre Flucht, kehrten sie möglichst rasch in die Normalität einer neuen bundesdeutschen Gesellschaft zurück. Sie bildeten keine Gruppe, keinen Traditionsverein, sie erinnerten nur die westdeutsche Gesellschaft an etwas, das da noch war im Osten. Sie markierten durch ihr mutiges Überwinden eine tödliche Grenze, die der SED-Staat am liebsten vergessen machen wollte.
Glückte die Flucht nicht, warteten auf die Betroffenen in der DDR das Gefängnis und Schikanen der Staatssicherheit – auch gegenüber Angehörigen, Freunden, Kindern und möglichen Mitwissern des (manchmal auch nur behaupteten) Fluchtversuches.
Aus Menschen mit durchaus unterschiedlichem Widerwillen der DDR gegenüber wurden politische Gefangene, die als Feinde des Staates behandelt worden sind: Leibeigene der DDR gewissermaßen, die über Freilassung oder keine, über unterschiedliche Haftbedingungen oder Verkauf in den Westen entschied. Und manche stellten dann das, was sie vorher vermeiden wollten: einen Ausreiseantrag.
Offiziell hieß die Grenze in der DDR „antifaschistischer Schutzwall“. Niemand nannte sie so, es war natürlich ein reiner Verwischungsbegriff. Und die Fliehenden erinnerten die Zurückgebliebenen fortdauernd daran. „Die einzige würdige Art, die DDR zu verlassen, war immer die Flucht“, habe ich mal vor langer Zeit geschrieben und war ziemlich stolz auf diesen Satz, obwohl oder weil ich nie eine Flucht gewagt hätte.
Dass ich nicht flüchten musste und nicht ausreisen wollte, hängt auch mit Journalisten zusammen. Der eine oder andere in Ostberlin akkreditierte West-Korrespondent half, in der DDR ungewollte Texte über die Grenze zu bringen.
So wie die Fliehenden aus der DDR haben jene vom Leben in der DDR berichtenden Journalisten dazu beigetragen, dass auch außerhalb politischer Reden der Anspruch auf Freiheit in der DDR fortdauerte.
