Rodenkirchen - Wer will sich heute noch Telefonnummern merken? Sie sind doch im Handy gespeichert. Wer muss noch eine Straßenkarte lesen können? Es gibt doch Navigationsgeräte. Und wer schreibt noch Postkarten? Vielleicht einer, der nicht weiß, was eine SMS ist.
Kurt Werkmeister verschickt Postkarten. Jedes Jahr setzt er sich einen Nachmittag lang hin und schreibt 98 Weihnachtskarten. Nach Rodenkirchen findet er auch ohne Navigationsgerät, und bei Facebook ist er aus Prinzip nicht. Denn Kurt Werkmeister hat Angst vor Digitaler Demenz in allen ihren unerfreulichen Ausprägungen.
Das sagte er am Montagabend in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Rodenkircher Landfrauen im Hotel Albrechts hielt. Knapp 50 Frauen waren gekommen.
Selbstverständlich hat Kurt Werkmeister ein Handy, aber eben kein Smartphone. Schließlich war der 65-Jährige lange Zeit Leiter der Landvolkshochschule Potshausen im Landkreis Leer und er ist stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Rhauderfehn. Da muss er erreichbar sein. Aber nicht mehr.
Und das ist die Botschaft des Pädagogen: Handys, Navis, PDAs und die vielen anderen digitalen Alltagshelfer unterstützen im täglichen Leben und leisten dabei wertvolle Dienste, nur abhängig werden sollte von ihnen keiner.
Nach den Zahlen der Suchtbeauftragten der Bundesregierung gelten 250 000 der 14- bis 24-jährigen Deutschen als internetabhängig, 1,4 Millionen Internetnutzer müssten als gefährdet eingestuft werden. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2012. Rauschgift, Alkohol und Nikotin seien auf dem Rückzug, während die Internet-Abhängigkeit stark zunehme. Neuntklässler verbringen nach diesen Zahlen durchschnittlich 7,4 Stunden am Tag mit digitalen Medien – das ist mehr Zeit, als sie mit schlafen verbringen.
Die Folgen seien verheerend, sagte Werkmeister: „Nur eigenständiges Lernen trainiert die Gehirnzellen. Nicht geforderte Zahlen sterben ab.“ Was hilft gegen digitale Demenz? Werkmeister rief dazu auf, sich Wissen selbst anzueignen – „Je intensiver, desto besser“ – und nicht nach Bedarf bei Google zu suchen und dann wieder zu vergessen, bewusst Musik zu hören und sich auf sie zu konzentrieren – und nicht nebenbei etwas anderes zu machen – und ein Hobby zu pflegen.
Die Alternative ist erschreckend: Der „digitale Eingeborene in Deutschland“ ist seinen Zahlen zufolge 21 Jahre alt und hat schon 10 000 Stunden im Internet verbracht – 400 Tage und Nächte. In dieser Zeit hat er nicht weniger als 250 000 Mails bekommen.
