Oberhausen - „Rums!!!“ macht es bei Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Und Lehrer Lämpels Pfeife fliegt bildgewaltig auseinander: Die Explosion wird auf dem Papier zum hellen Stern - ganz wie man es auch aus Superheldencomics kennt, wann immer ein lauter Knall visualisiert werden soll. Vor 150 Jahren schuf der Humorist die Lausbubenstreiche. Eine große Comic-Retrospektive in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zeigt ab Sonntag, wie sich aus den bunten Bildergeschichten eine ernstzunehmende Kunst- und Erzählform entwickelte.
„Vieles, was den modernen Comic heute ausmacht, ist bei Busch schon angelegt“, sagt Museumsdirektorin Christine Vogt. So stand für Busch bei „Max und Moritz“ die Zeichnung am Beginn der Geschichte. Erst im zweiten Schritt ergänzte er die bekannten rhythmischen Verse.
Mit Hunderten Originalzeichnungen und Erstausgaben gibt die Galerie Einblicke in die vielfältige Comic-Welt, die Wilhelms Buschs Erben seither geschaffen haben. Da sind etwa die frühen Zeichnungen mit politischem Biss in Satirezeitungen wie „Simplicissimus“ und „Pardon“. Mit dem Aufkommen illustrierter Zeitschriften erreichten in der Nachkriegszeit deutsche Comic-Klassiker wie „Mecki“ oder „Nick Knatterton“ dann ein Millionenpublikum.
Auch in Kundenmagazinen werden Comics zur festen Größe. „Man darf das nicht unterschätzen: Viele heutige Comic-Fans fanden über die Knax-Hefte zum Comic“, erzählt Kurator Martin Jurgeit. Die kostenlosen Werbecomics der Sparkassen erscheinen bis heute.
Anders als in den USA oder Belgien und Frankreich wurde jedoch der Comic in Deutschland zunehmend auf Kinderseiten verbannt. Erst mit Publikumserfolgen wie Brösels „Werner“ oder „Das Kleine Arschloch“ von Walter Moers findet die gezeichnete Bildergeschichte zurück aus der Nische in den Mainstream. „Der Ruf von Trivialität haftet dem Comic immer noch an“, sagt Kunsthistorikerin Vogt. Bis heute kämpften die Bildergeschichten um die volle Anerkennung als Kunstform.
„Das Medium steht fälschlicherweise im Verdacht, dass ihr Erschaffer weder das eine noch das andere richtig kann: Wenn weder Text noch Bild für sich alleine stehen können, dann kann das ja nichts sein“, erklärt Zeichner und Illustrator Hendrik Dorgathen das schlechte Image des Comics. Sogar Wilhelm Busch, so berichtet er, sei es zeitlebens eher peinlich gewesen, mit bunten Bildergeschichten zu Ruhm gekommen zu sein.
„Dass im Comic eine ganz spezielle Alchemie zum Wirken kommt, das ist lange nicht geschätzt worden“, so der Künstler. Sein wortloser Piktogramm-Roman über einen Hund im All („Spacedog“) steht in der Ausstellung beispielhaft für eine neue Comic-Avantgarde.
Mit dem ersten gezeichneten Buch, das mehr als hundert Seiten dick ist, beginnt 1987 ein weiteres wichtiges Kapitel des Erwachsenen-Comics, das bis heute nachwirkt: Mit „Der bewegte Mann“ leistet Ralf König Pionierarbeit für die Erzählform der Graphic Novels. Aufwendige Bilderromane werden inzwischen sogar von Belletristikverlagen herausgegeben.
Leihgeber für zahlreiche Exponate ist das Museum Wilhelm Busch in Hannover. In kleinerem Umfang war die Ausstellung „Streich auf Streich“ dort und auch in Erlangen bereits zu sehen. In Oberhausen läuft sie bis zum 18. Januar 2015
