Wangerooge/Hubertusgrund - Ein riesiger Adventskranz hängt von der Decke. Im Raum verteilt stehen viele rote Kerzen – sofort kommt weihnachtliche Stimmung auf. Hier wohnt Cecilia Albers mit ihrem Mann Georg und ihren Kindern Julia und Thomas. Doch zu Weihnachten verlassen sie ihr Haus auf Wangerooge. Zu Weihnachten fahren sie in die Heimat von Cecilia: Schlesien. „Und da ist Weihnachten ganz anders als hier.“

Cecilia Albers stammt aus dem kleinen Dorf Hubertusgrund (heute: Wojska) – „dort kennt jeder jeden, wie auf Wangerooge“. Mit fünf Geschwistern und ihren Eltern ist sie dort auf einem Bauernhof groß geworden. 24 Jahre lang erlebte sie die schlesische Advents- und Weihnachtszeit.

Adwent

Schon am 1. Advent, auf schlesisch: „Adwent“, beginnt nach schlesischer Tradition eine Zeit voller Ruhe und Besinnung. Doch das ist keineswegs wie an Weihnachten: „Die Adventszeit und Weihnachten werden klar getrennt“, erzählt Cecilia Albers. „Es gibt sogar Lieder, die jeweils nur zu Advent und nur zu Weihnachten gesungen werden.“

Ab dem 1. Advent besucht jedes Kind vor der Schule die Frühmesse, die sogenannte „Rorate“. „Dort sind 24 Stufen aufgebaut, darauf steht eine kleine Christkind-Figur. Jeden Tag wird sie eine Stufe heruntergesetzt – bis sie den 24. Dezember erreicht hat.“

Zudem bastelt jedes Kind ein kleines Herzchen mit seinem Namen darauf, das in einen Beutel gelegt wird. „Jeden Tag zieht der Pastor in der Messe dann einen Namen. Derjenige darf für einen Tag die Jesuskind-Puppe mit nach Hause nehmen“ – eine Besonderheit: „Wer sie zu Hause hat, der bekommt immer viel Besuch, alle wollen sich das Jesuskind ansehen.“

Natürlich wird in der Adventszeit auch gebacken: „Tausende von Keksen, die mit Mühe verziert werden, dazu auch Lebkuchen und Hexenhäuschen.“ Aber Vorsicht: Sie werden nicht sofort gegessen, sondern sofort eingepackt. „Die Adventszeit ist ja Fastenzeit – und das gilt bei uns auch heute noch.“ Erst an Weihnachten darf genascht werden. Gebacken wird nach alten Familienrezepten.

Am Tag vor Heiligabend Tag gibt es traditionell eine Fischsuppe, dazu wird Brot gereicht. „Außerdem besuchen wir jedes Jahr die Verstorbenen auf dem Friedhof“, sagt Cecilia Albers. Danach gibt es für die Erwachsenen Kaffee und einen kleinen Schnaps: „Mit diesem Schluck trinken wir symbolisch die alten Streitigkeiten des Jahres herunter, damit wir Weihnachten in Ruhe und mit Spaß feiern können.“

Wigilia

Während die Männer in den Wald gehen, einen Weihnachtsbaum fällen und ihn schmücken, bereiten die Frauen das Essen vor. „An Heiligabend oder ,Wigilia‘ gibt es traditionell eine Nusssuppe sowie Karpfen mit Kartoffeln, Sauerkraut und Pilzen und natürlich Mohnklöße.“ Auf das Essen freut sich die ganze Familie schon lange vorher. „Das ist etwas ganz Besonders und gibt es so nur zu Weihnachten.“

Traditionell wird der Tisch auch mit einer Kerze, Salz, Weihwasser sowie Brot gedeckt. „Und seit dem 30-jährigen Krieg legen wir auch immer ein zusätzliches Gedeck dazu. Früher sagte man ‚Falls jemand, der vermisst wurde, doch zurückkommt‘.“

Am Abend beginnt die Bescherung. „Wir Kinder müssen schon bis zum 1. Advent unsere Wunschzettel auf die Fensterbank gelegt haben“, erzählt die zwölfjährige Julia. „Kurz vor der Bescherung gehen wir in ein Zimmer und singen Weihnachtslieder – bis unsere Mutter uns ruft und wir die Geschenke auspacken dürfen.“

Pasterka

Nach der Bescherung geht es noch weiter: Die ganze Familie besucht die Mitternachtsmesse, die so genannte „Pasterka“. Bis die Familie dann zu Hause ist, dauert es sehr lange. Doch nicht etwa, weil die Messe so lange dauert. „Auf dem Weg müssen wir erst einmal allen Menschen im Dorf frohe Weihnachten wünschen – da sind wir meist erst um halb 3 wieder zu Hause“, sagt die Schlesierin lächelnd.

BoZe Narodziene

Am 25. Dezember, Boze Narodziene genannt, sitzt die Familie mittags bei Kaffee und Kuchen zusammen. Übrigens: Es wird den ganzen Tag viel gesungen. „Und das mit Freude und sehr laut“, erzählt Cecilia Albers. „Mein Vater war Kapellmeister und sehr musikalisch – und da haben wir auch in der Familie schon immer musiziert.“ Doch sie findet: Die Lieder sind nicht mit den meisten deutschen Weihnachtsliedern vergleichbar. Sie stimmt eins an. „Hören Sie? Es ist nicht so ruhig, viel rhythmischer.“

Drugie SwiEto

„Hoffentlich liegt dann auf jeden Fall Schnell.“ Am zweiten Weihnachtstag, Drugie Swieto, feiert die Familie nämlich eine Schlitten-Party. Die Augen von Cecilia Albers leuchten, wenn sie den Begriff erklärt. „Vorweg fährt ein Trecker, dahinter sind viele, viele Schlitten gespannt und wir fahren durch die Wälder und das Dorf.“ Manchmal wird auf dem Weg auch vor der einen oder anderen Kneipe Halt gemacht. „Aber wir haben auch immer Glühwein in der Thermoskanne dabei.“

Wesołych SwiAt

Wenn Cecilia Albers über die Weihnachtstage erzählt, wird deutlich, wie viel Freude sie mit ihrer Familie an den Festtagen hat. Am schönsten findet sie, dass sie alle Verwandten wiedersieht und sie sich mit ihnen unterhalten kann. „Mein Mann Georg lacht immer schon: Er kann gar nicht verstehen, dass wir uns so viel zu erzählen haben.“ Tochter Julia nickt. „Ich freue mich auch jedes Jahr, endlich meine Cousinen wiederzusehen“, sagt sie. „Dann quatschen und kichern sie nur“, fügt ihre Mutter augenzwinkernd hinzu.

Da holt Julia ihr Smartphone heraus und zeigt ein Video. „Das haben meine Verwandten uns jetzt geschickt.“ Die Kamera schwenkt durch eine Küche, überall liegen Backutensilien und schon einige fertige Kekse. Dann erscheinen ein paar junge Mädchen, sie lachen laut und rufen „Wesołych Swiat – Frohe Weihnachten“. Im Hintergrund ertönt laut Adventsmusik. „Ja, so ist das bei uns“.

Schon jetzt können Mutter und Tochter es kaum erwarten, das traditionell schlesische Weihnachtsfest zu feiern – und das, obwohl es heute eigentlich gar nicht mehr so leicht ist, fügt Cecilia Albers hinzu. „Es ist manchmal schwierig, von der Insel rechtzeitig nach Hause zu kommenfahren, weil die Kinder Schule haben“, erzählt sie. „Auch die Vorgaben in Polen sind strenger geworden: Jetzt müssen wir zum Beispiel unsere Schlittenpartys anmelden und auf Genehmigung warten. Früher ging das einfach so.“

Außerdem merkt sie, dass einige Menschen in ihrer Heimat die Traditionen nicht mehr beachten: Während früher zum Beispiel die Geschäfte an Weihnachten ab mittags geschlossen hatten, sind sie heute bis abends geöffnet. „Früher war nachmittags komplette Stille im Dorf, heute ist viel mehr los.“ Das findet Cecilia Albers eigentlich schade. „Aber ich gebe mein bestes, dass meine Kinder unsere Traditionen aufrechterhalten – so gut es eben geht. Wenn ich sehe, wie viel Freude sie zu Hause an dem Fest haben, da geht mir das Herz auf.“