Oldenburg - Nur noch fünf Minuten Zeit, um vom Großen ins Kleine Haus zu gelangen. Fünf Minuten, um aus dem Süden Europas nach Schwarzafrika zu kommen, von Andalusien in die Republik Kongo. Und von absoluter Körperbeherrschung zu geballter Kraft.
Schlagzeug auf Beinen
Es hat die Internationalen Tanztage des Staatstheaters schon immer ausgezeichnet, dass sie Tanzcompagnien zusammenführen, die Tausende Kilometer voneinander entfernt daheim sind. Beim diesjährigen Festival finden sich gleich drei Programmpunkte mit afrikanischer Beteiligung – am vergangenen Mittwochabend war es DeLaVallet Bidiefono mit seiner Compagnie Baninga. Ein Gastspiel (und eine Entdeckung), das vom Goethe-Institut ermöglicht wurde. Zuvor beherrschte Israel Galván die Bühne – keine Entdeckung, sondern ein Weltstar.
Israel Galván als brillanten Tänzer zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Wenn der schwarz gekleidete, äußerlich eher unscheinbare Tänzer die Bühne betritt, verwandelt er sich in pure Energie, die er minuziös bis in die biegsamen Fingerspitzen hinein, ebenso rasant wie perfekt in Bewegung umsetzt, ein Trommelfeuer aus hämmernden und pochenden Absätzen, unterbrochen nur vom Klopfen seiner Hände, mit denen er den eigenen Brustkorb, die Beine oder auch die Schuhsohlen bearbeitet. Ein Schlagzeug auf zwei Beinen.
„La Edad de Oro“, so der Titel seines Solos, war das Goldene Zeitalter des Flamencos und dauerte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre. Galván pflegt und erneuert diese Tradition meisterhaft, begleitet vom kehligen Gesang David Lagos’ und dem virtuosen Gitarrenspiel von Alfredo Lagos. Gekonnt baut er Einflüsse aus anderen Tanzstilen ein, so dass man sich mitunter an das einstige Stepp-Wunder Fred Astaire erinnert fühlt, um ihn gleich darauf in die Pose eines Toreros wechseln zu sehen.
Absolut einzigartig ist die Selbstironie, mit der Galván jede längere Tanzsequenz mit einer ultimativen, zugespitzten und augenzwinkernd ausgeführten Geste abschließt – und damit die Zuschauer vollends aus dem Häuschen bringt.
Kontrastprogramm
Zum Kontrastprogramm nach Afrika ist der Weg kurz, doch erwartet den Zuschauer am Ende weniger Exotik, als er vielleicht erwartet hatte. Die Bewegungssprache von DeLaVallet Bidiefono und seiner Compagnie Baninga – zwei Männer und eine Frau – ist authentisch, ohne folkloristisch zu sein, fremdartig, aber zeitgenössisch im weltumspannenden und herausragend im künstlerischen Sinne.
Die Choreografie „Prints/Words Will Come Later“ spielt in den Nächten von Brazzaville, der Hauptstadt der vom Bürgerkrieg gezeichneten, verarmten Republik Kongo. Die Kraft der Tänzer entlädt sich in brachialen Bewegungsabfolgen, bei denen Körper mit Wucht auf den Boden schleudern oder gegeneinanderprallen. Während bei Galván selbst noch die Fingerspitzen zu tanzen scheinen, so gelingt der Baninga-Tänzerin dasselbe mit ihrem Haarschopf, der über ein Eigenleben verfügen muss.
Als Ausstattung hat die afrikanische Truppe sechs große Bambusstangen mitgebracht, die sie lautstark immer wieder neu arrangiert und die wahlweise eine Front oder auch eine Gefängniszelle bilden.
Dazu steht und sitzt ein Musiker auf der Bühne mit Schlagzeug und E-Gitarre, der für einen in die Glieder fahrenden Rhythmus sorgt, unterstützt von einem Tänzer und dessen virtuosem Einsatz der Stimmbänder. Zur rasanten Abfolge von Sprechgesang, Klick- und Schnalzlauten springt er auch noch in die Höhe. Was manch einen Zuschauer beim jubelndem Schlussapplaus inspiriert haben dürfte.
