Berlin - Nicht alles, was überwacht, ist Stasi. Überwachungsstaat gleich Stasi-Methoden ist so eine reflexhafte Gleichung, wenn es wieder mal einen Enthüllungsfall geheimdienstlicher Überwachung gibt – so wie gerade der durch die Welt vagabundierende Held/Verbrecher (je nach Analyse-Standpunkt), der amerikanische und britische Daten weitergab. Da klingelt bei mir dauernd das Telefon, man hätte gern eine Stellungnahme. Tenor: Stasi-Experte protestiert gegen genauso schlimme oder schlimmere Gegenwartsüberwachung.
Gesteigerte Angst
Finde ich die Dateneinsammelwut einiger (?) westlicher Geheimdienste richtig? Nein. Ist das deshalb so etwas wie Stasi? Nicht ganz.
Der demokratisch legitimierte Überwachungsstaat heute will eine funktionierende Kommunikationsgesellschaft, von der die Datenein-sauger profitieren. Ob es um Staatsinteressen geht oder künftige Kunden der Wirtschaft, viele wollen die Leute am liebsten beobachten, sollen sie sorglos im Netz herumsurfen. Stasi-Absichten waren eigentlich andere: bestimmte Formen der Kommunikation gar nicht entstehen zu lassen und zu verhindern. Sie wollten nicht möglichst viel überwachen, sondern wurden von der Sorge getrieben, nicht genügend überwachen zu können.
Der innere Motor der Staatssicherheit war nicht so sehr Überwachungslust, sondern die zur Paranoia gesteigerte Angst, nie genügend Kapazitäten zum Überwachen zu haben. Jeder Brief musste ja noch mit der Hand geöffnet werden, nicht allzu viele Leitungen für innerdeutsche Telefongespräche wurden genehmigt: Das Auswerten der Bänder band Kapazitäten.
Weiter entwickelte Stasi-Methoden auf moderner technischer Basis? Das wären Zehntausende Internetarbeiter im staatlichen Auftrag wie in China, die Seiten blocken. Die Stasi würde das Netz nicht nur extensiv überwachen, sondern partiell lahmlegen, ausschalten – und wenn das nicht geht, die Zugänglichkeit blockieren, Computer zerstören oder durch eine Stromsperre zielgerichtet alles potenziell Störende zeitweise ausknipsen.
Hacker im nichtstaatlichen Auftrag wären generell Premium-Staatsfeinde. Eine Gegenwarts-Stasi müsste Mitarbeiter an den Knotenpunkten des Netzes anwerben und einen internen Katastrophenplan erarbeiten, welche Server im Falle einer Krise wie auszuschalten sind. Daten vervielfältigen sich permanent, das Netz ist ein Anarcho-Albtraum für die, die alles beherrschen wollen.
Es ist eine gigantische Versuchung zur permanenten Gesetzesübertretung für alle, die ein Stück vom Informationskuchen haben wollen. Also Profit. Oder Extra-Wissen. Oder beides.
Und wir alle glauben allen Ernstes, wenn wir rasant wachsende Datenfluten streuen, können wir so unausgespäht bleiben wie zu Vor-Internetzeiten. Die heutige Datenepidemie (zu Stasi-Zeiten hatten viele nicht mal ein eigenes Telefon, Handys gab es in der DDR noch nicht) machen es dem Sammler schwerer, Relevantes zu finden. CIA findet alles im Netz – vielleicht bis auf den, den sie wirklich suchen. Denn der begibt sich in die Tarnung einer Netz-Askese, eines Netz-Zölibates.
Informationen ersticken
Das Überwachtwerden war zu DDR-Zeiten oft nur die Vorarbeit für etwas, das weit darüber hinausging: Menschen wurden konkret fertig gemacht mit heimlich besorgten Erkenntnissen, mit anonymen Briefen, Anrufen, Einwirken auf die Lebenszusammenhänge.
Nur eine Erkenntnis aus DDR-Zeiten sollten sich die Dateneinsammler von heute merken: Wer zu viel weiß, verliert schnell die Übersicht, verwechselt die Dinge (manchmal die Personennamen) und zieht falsche Schlüsse. Die DDR-Stasi erstickte auch an ihren Informationen, die sie am Schluss nicht mehr richtig auszuwerten vermochte.
