Oldenburg - Als Frauen ohne einen männlichen Begleiter nicht einmal mit der Kutsche in die Stadt fahren durften, reiste Maria Sibylla Merian als 52-Jährige im Jahr 1699 auf dem holländischen Frachtensegler „Willem de Ruyter“ nach Südamerika. Begleitet wurde sie von ihrer Tochter Dorothea, und im Gepäck hatten die Frauen Präparierbesteck, Pinsel, Bestimmungsbücher und Farben, um die Insekten Surinams zu katalogisieren.
Konventionen hatten die mutige Wegbereiterin der Schmetterlingsforschung jedoch nie aufhalten können: Sie war geschiedene Mutter zweier Töchter, hatte als Verlegerin, Farbhändlerin, Kupferstecherin und Naturwissenschaftlerin gleich mehrere Männerberufe. Und als alle Welt Insekten noch für eine „Teufelsbrut“ aus dem Schlamm hielt, hatte sie schon als Mädchen die Metamorphose der Tiere beobachtet und gezeichnet. 1674 begann sie bereits mit systematischen Untersuchungen und sammelte haarige Raupen von den Pflanzen. Manche Frauen mussten damals schon für weit weniger auf dem Scheiterhaufen brennen.
Berühmter Vater
Geboren am 2. April 1647 in Frankfurt am Main als Tochter des schon zu Lebzeiten berühmten Kupferstechers Matthäus Merian d. Ä. (1593-1650), wuchs sie in einem künstlerisch geprägten Elternhaus auf und lernte viel von ihrem Stiefvater Jacob Marrel, einem Stilllebenmaler und Bilderhändler.
Der 300. Todestag Maria Sibylla Merians am 13. Januar 2017 ist für Corinna Roeder, Direktorin der Landesbibliothek, Anlass, einen Schatz des Hauses Blatt für Blatt in den Vitrinen auszubreiten: Eben jene damals bahnbrechenden 60 Kupferstiche, die nach der Südamerika-Reise 1705 in Amsterdam in dem großformatigen Werk namens „Metamorphosis Insectorum Surinamensium“ erschienen. „Wir besitzen die niederländische Erstausgabe des Buches“, erzählt Corinna Roeder. Da der Einband der zwischen schmucklosen Pappdeckeln ruhenden 60 Blätter zerstört ist, können alle Seiten einzeln gezeigt werden: Gelb leuchtet da die tropische Ananas, auf die ein Falter zusegelt; rot der Granatapfel. „Das Surinam-Buch gehört nicht zum Gründungsbestand der Landesbibliothek“, erzählt Corinna Roeder über das Werk „Ofte Verändering Der Surinaamsche Insecten“. Es wurde erst zwischen 1804 und 1829 in die Regale der Herzoglich Öffentlichen Bibliothek gestellt. Als Kaufpreis waren akkurat 19 Reichstaler vermerkt worden, hat die Bibliotheksdirektorin in den Kauflisten nachgeschlagen. Zum Vergleich: für das Zedler-Lexikon in 40 Bänden zahlte man 40 Reichstaler.
Farbige Erstausgabe
Ob Sibylla Merian selbst mit ihren Töchtern Johanna Helena (1668-1723) und Dorothea Maria (1678–1743) die Stiche eben dieser Erstausgabe in Amsterdam handkoloriert hat, ist nicht überliefert, könnte aber durchaus sein. Zumindest ließ sie die Zeichnungen von den besten Kupferstechern arbeiten. In Amsterdam lebte die Forscherin seit 1691 nach einem sechsjährigen Intermezzo bei einer strenggläubigen Pietisten-Gemeinde (Labadisten) in Westfriesland. Der Amsterdamer Rat hatte auch ihre Reise nach Surinam gefördert.
Noch heute haben sich die Blätter ihre Schönheit zwischen „Kunst und Wissenschaft, zwischen Naturbeschauung und mahlerischen Zwecken bewahrt“ (so formulierte es Johann Wolfgang von Goethe einmal). Sibylla Merian ging es um eine ästhetische Komposition aller Entwicklungsstadien der Falter – die sie Sommervögel nannte – und deren Wirtspflanze.
Das war schon ihr Markenzeichen, als sie 1679 den ersten Teil von „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ in Frankfurt herausgebracht hatte. Auch eine Ausgabe des Raupen-Buches (von 1718) besitzt die Landesbibliothek. Es stammt aus dem Haus von Georg Friedrich Brandes, dessen Nachlass Herzog Peter Friedrich Ludwig 1791 zur Gründung der Bibliothek gekauft hatte. Da war Sibylla schon 74 Jahre tot und ruhte nach einem Armenbegräbnis auf dem Leidse-Kerkhof. Ihr Werk hatte ihr zwar Ruhm, aber keinen Reichtum eingebracht.
