[/VORSPAUTOR][AUTOR] - Bernhard Schlinks Bestseller „Der Vorleser“ ist nicht unumstritten. Der Roman über die in den 1950er Jahren angesiedelte Liebe eines Jungen zu einer Analphabetin, von der schließlich bekannt wird, dass sie KZ-Aufseherin war, erschien 1995 in Deutschland. Das Echo war zunächst weitgehend positiv. 2002 wurde heftige Kritik am Roman des Juristen Schlink laut. So polemisierte beispielsweise der britische Sprachgelehrte Jeremy Adler mit Begriffen wie „sentimentale Geschichtsfälschung“ und „Kulturpornographie“ gegen das Buch. In dieser Woche startet der Film in Deutschland.

Mit gefühliger Musik und einem süßlichen Erzählton provoziert er noch viel stärker als die Vorlage die Frage, wie weit Einzelne, die in den Jahren 1933 bis 1945 an der millionenfachen Ermordung von Menschen durch die Nazis beteiligt waren, mit durchschnittlichen Maßstäben beurteilt werden können.

Zweifellos: Drehbuchautor David Hare und Regisseur Stephen Daldry bieten stilistisch reifes Kino. Die in Rückblenden erzählte Geschichte der sexuellen Erweckung des halbwüchsigen Michael Berg (David Kross, im Alter gespielt von Ralph Fiennes) durch die wesentlich ältere Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) ist zunächst einmal spannend. Diese Spannung resultiert vor allem aus dem exzellenten Spiel des deutschen Schauspielers Kross und der britischen Charakterdarstellerin Winslet, die den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhielt.

Problematisch wird es in der zweiten Hälfte des Films, der die Vergangenheit Hannas als KZ-Aufseherin ins Zentrum rückt. Dies geschieht durch die ausführliche Darstellung des Kriegsverbrecherprozesses gegen sie aus der Sicht des Jungen, der inzwischen Jura studiert. Hanna wird nur als Opfer gezeigt, auch dadurch, dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Da schwappt der Film über vor Sentimentalität, die der Roman nicht ausstrahlt. Wenn dann in langen Sequenzen gezeigt wird, wie Hanna im Gefängnis lesen und schreiben lernt und sich schließlich, durch die Kraft der Literatur, so wird es suggeriert, geläutert, Suizid verübt, verliert der Film die Hauptfigur und deren im Buch wesentlichen Konflikt völlig. Das tatsächlich Aufregende verdeckt der Film durch seine kitschige Art. Hier wurde die Chance für einen wirklich aufrüttelnden Spielfilm über ein wichtiges Thema vertan.

Info: www.NWZonline.de/kino