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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Vorzimmer von Auschwitz

21.07.2012

AIX-EN-PROVENCE Im Lager von Les Milles erfüllten sich viele schreckliche Schicksale. 10 000 Menschen aus 38 Ländern saßen hier hinter Stacheldraht, unter ihnen Erfolgsautoren wie Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever und Franz Werfel. Auch viele Künstler wie Max Ernst, Karl Liebknechts Sohn Robert und Hans Bellmer waren während des Zweiten Weltkrieges im „Camp des Milles“ eingesperrt. Mehr als 2000 Juden wurden aus der einstigen Ziegelei vor den Toren von Aix-en-Provence nach Auschwitz gebracht, darunter viele zum Teil noch kleine Kinder.

Theater gespielt

Jahrzehntelang drohte Gras über die finstere Geschichte zu wachsen. Jetzt endlich wird zur Erinnerung an jene Zeit das einzige große und noch intakte französische Internierungs- und Deportationslager als begehbare Gedenkstätte seiner Bestimmung übergeben. Die Eröffnung des staatlichen „Site-Mémorial“ findet am 10. September statt.

„Ich bin überzeugt, dass das Lager von Les Milles ein wichtiger, sogar sehr wichtiger Ort für das nächste Jahrhundert sein und bleiben wird“, bewertet Elie Wiesel – selbst Überlebender des Holocaust und Friedensnobelpreisträger von 1986 – die Bedeutung des Ortes, an dem bis zu ihrer Zweckentfremdung im September 1939 eine Ziegelei produzierte. Dass der Eröffnungstermin jetzt ausgerechnet auf den 10. September festgelegt wurde, ist durchaus kein Zufall. Am 10. September 1942 – also vor genau 70 Jahren – war der letzte Häftlingstransport von Milles über das berüchtigte Sammel- und Durchgangslager von Drancy bei Paris, dem Schauplatz der Shoa in Frankreich, nach Auschwitz ausgelaufen.

Ähnlich dem Warschauer Ghetto hatten die in Les Milles festgesetzten Künstler trotz ihrer erbärmlichen Lebensverhältnisse in der Gefangenschaft eine bemerkenswerte Kultur-Szene installiert. In den stillgelegten Brennöfen des sogenannten Camp des artistes wurde Theater gespielt. Das der legendären „Katakombe“ nachempfundene politisch-literarische Kabarett gaukelte den Eingesperrten Berliner Freiheit vor. Auch wurde viel an die Wand gemalt – nicht nur die Theater-Kasse. Insgesamt soll es über 300 beziehungsreiche Bilder geben. Im damaligen Refektorium der Wächter wurden sämtliche Wände mit zumeist symbolisch-satirischen „peintures murales“ überzogen.

Das dominierende Fresko auf der Stirnseite zeigt das „Bankett der Nationen“ – Menschen aller Rassen und Hauptfarben bei einem Festmahl, von dem die oft hungernden Internierten nur träumen konnten. Die Bildfolge wird dem Fotografen und Maler Karl Bodek (geb. 1905) zugeschrieben, der im August 1942 nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich ermordet wurde.

Juden-Transporte

Der historische Teil der künftigen Ausstellung ist in drei Abteilungen gegliedert: in die erste Periode „Dritte Republik – Feindliche Subjekte“, in die zweite Periode „Internierung unerwünschter Elemente“ und in die letzte Periode „Vichy und die Endlösung“ – Juden-Transporte nach Auschwitz. Die Dauerausstellung „1942/1944: Deportation von 11 000 jüdischen Kindern aus Frankreich nach Auschwitz“ hat Serge Klarsfeld realisiert, einer der profiliertesten Nazijäger.

Am ausgedienten Bahnhof von Les Milles wurde schon vor Jahren exemplarisch einer von den alten Güterwaggons, mit denen die Internierten seinerzeit angeliefert worden waren, wieder aufs alte Gleis geschoben. Lange Zeit wurden die Vorkommnisse in den Internierungslagern im unbesetzten Frankreich verheimlicht oder zumindest heruntergespielt. Heute darf offen ausgesprochen werden, dass sich das Regime von Vichy auch als „Vorzimmer von Auschwitz“ verstand.

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