Oldenburg - Es gibt Musikkenner, die nennen sofort Werke jedes Komponisten, mögen diese auch ganz ausgefallen Friedrich Klose oder Conlon Nancorrow heißen. Doch wer ist Ronald Stevenson? „Ein Schotte, fast 90, und noch sehr am Leben“, sagt Igor Levit, greift fulminant in die Tasten und bereichert das Auditorium im Staatstheater um eine besondere Variante in der Reihe „Große Pianisten im Kleinen Haus“. Hat in Oldenburg schon mal jemand die „Fantasy on Peter Grimes“ gehört?
Levit erteilt Stevenson erstmals das Wort bei sich und „freut sich richtig drauf“. Es ist eine Kurz-Zusammenfassung von Brittens Oper „Peter Grimes“ in acht Minuten, elektrisierend in den bösartigen und vollgriffigen Ausbrüchen der Menge, berührend in der immer bedrückender werdenden Resignation der Titelfigur.
Das bildet einen Kulminationspunkt im übrigen Programm: Bachs Partita Nr. 2 c-Moll BWV 826 und die drei Beethovens Sonaten Nr. 22 F-Dur op. 54, Nr. 5 c-Moll op.10/1 und Nr. 23 f-Moll op. 57, die „Appassionata“. Mit 16 Jahren ist der gebürtige Russe zu Karl-Heinz Kämmerling nach Hannover gekommen. Heute mit 27 gelingt es ihm wie nur wenigen, persönliches Streben zwischen Suche und Erfüllung logisch in einen Rahmen zu fassen. Es ist auch nur wenigen gegeben, mit hochkonzentrierter Körpersprache und extrem differenzierter Klangentfaltung so überzeugend für die Musik einzunehmen.
Levits Wagemut an diesem Mittag lässt sich an seiner aktuellen Bach-Aufnahme abschätzen. Geht er die Partiten im Studio sehr strukturbetont an, fast streng, so füllt er hier alles mit ebenso viel blühendem Leben wie bohrender Nachdenklichkeit. Der Preis dafür: Den großen Kreis um die sechs Sätze schließt er nicht ganz. Aber er füllt ihn mit wundervollen Charakterbildern.
Es ist ein riesiges Spannungsfeld, das Levit zwischen Extremen füllt, zwischen Enge und Freiheit, Ordnung und Unordnung, Stille und Sturm, Beherrschung und Fanatismus, Diskretion und Wucht. Da trifft ein eigener Kopf auf Hände, die kaum technische Grenzen kennen. Die Linke fügt scharf gestochene Figuren dazu. Das Pedal nutzt er zur noch feineren Veredelung von Farbnuancen, aber nicht zum Aufschäumen des Klangs.
Levit kann abgewogen agieren, wenn er mit leichtem Ritardando in die sprudelnden Läufe im Perpetuum mobile des zweiten Satzes in Beethovens Opus 54 einschwenkt. Er kann tief Atem holen, um die Variationen im Andante der Appassionata zu steigern. Alles zeigt: Es gibt nichts Unwichtiges in seiner Kunst.
