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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Festival: Wagners Musik bei Malochern

14.08.2015

Bochum Wenn jemand den Maschinenraum der Kultur liebt, den Ort, wo Geistiges auf Maloche trifft, dann ist das Johan Simons. Der preisgekrönte niederländische Regisseur tourte schon in jungen Jahren mit einem Wandertheater durch leerstehende Fabriken in der holländischen Provinz.

Dass der 68-Jährige profilierte Theatermann für drei Jahre das experimentelle Musik-, Theater- und Kunstfestival Ruhrtriennale leiten wird, erscheint als logische Konsequenz. Für die Intendanz im rauen Ruhrgebiet verließ Simons nach fünf Jahren die Kammerspiele im feinen München. „Das Ruhrgebiet passt zu meinem Herzen, weil es eine so große soziale Geschichte hat“, sagt Simons. Von diesem Freitag an bis zum 26. September läuft die erste Ruhrtriennale unter seiner Intendanz. Drei Jahre, so die Regeln des europaweit beachteten Festivals, bleibt ein Intendant – dann ist wieder Stabwechsel.

Anders als sein Vorgänger, der Komponist Heiner Goebbels, drückt Simons der Ruhrtriennale einen politischen Stempel auf und bemüht stark den Arbeitermythos des Reviers. Für Simons sind soziale Gerechtigkeit, die Kluft zwischen Arm und Reich, Arbeit und Arbeitslosigkeit die Leitthemen. „Die Kritik ist meine Aufgabe“, sagt Simons. Die meisten Menschen bezögen ihren Selbstwert aus der Arbeit. Er aber frage sich, ob das richtig sei. Die Hoffnungslosigkeit ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter ist gleich in Simons’ Eröffnungspremiere das zentrale Thema.

Er adaptiert Pasolinis berühmtes Sozialdrama „Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ für die Bühne – zu Musik von Bach. Aber was heißt schon Bühne bei Simons? Er verwandelt die 200 Meter lange Mischhalle der ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken in ein Theater. Das ist auch für heutige Ruhrgebietsverhältnisse eine wüste Gegend – anders als die in ihrem rostigen Charme schon chic zu nennenden Aufführungsorte wie die Zeche Zollverein in Essen oder die Jahrhunderthalle Bochum.

Auch bei der Kunst zieht es Simons an entlegene Orte. So ist die spektakuläre Wasserinstallation „Nomanslanding“ im alten Eisenbahnhafen in Duisburg-Ruhrort zu finden.

Simons hatte schon bei der Übernahme der Ruhrtriennale-Intendanz angekündigt, er suche die Annäherung an die Arbeiter und Arbeitslosen. „Seid umschlungen“ heißt das Motto des Festivals, übernommen aus Schillers „Ode an die Freude“. Die Ticketpreise liegen im moderaten Bereich zwischen fünf und 80 Euro.

Dabei weiß auch Simons, dass ein Festival, wo Wagner und Monteverdi gespielt werden und die Wälzer der französischen Literaten Zola und Proust auf die Bühne kommen, eher das Bürgertum ansprechen dürfte.

Der stellvertretende Bürgermeister von Dinslaken, Eyüp Yildiz, fand es nicht so toll, dass Simons mit seiner Theatertruppe an den Ort zieht, wo die Menschen mit Arbeitslosigkeit kämpfen und radikale Salafisten sich zusammentun. Als „pittoreske Schacht-Kulisse, in der sich die Gesellschaft des Kulturspektakels einen Sommer lang feiert, um dann weiterzuziehen“, tauge der Stadtteil Lohberg wohl noch, schrieb Yildiz.

Einen Skandal provozierte die Ruhrtriennale schon vor Beginn. Auf die Fußböden einiger Bahnhöfe hatte das Festival Plakate mit dem gekreuzigten Jesus kleben lassen, um für „Accattone“ zu werben. Dass man auf dem Gottessohn mit den Füßen herumtrampeln konnte, sorgte für Protest. Die Plakate wurden entfernt.

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