Warfleth - Kann ein Konzert zum Fest werden? Aber ja. In der Warflether Konzertkirche St. Marien wurde es am Sonntag ohrenkundig. Mit Jonian Ilias Kadesha (Violine), Vashti Hunter (Violoncello) und Theo Plath (Fagott) sowie einem Grenzen und Epochen überschreitenden Programm wurde es sogar ein ganz besonderes, ebenso das Gehör putzende wie den Horizont weitende Fest. Welch ein Auftakt zur elften Auflage der Konzertreihe „Berne bringt…“!
„Happy Neujahr, Európe“ galt als Motto, doch aller so zum Ausdruck gebrachten europäischen Verbundenheit zum Trotz, war schnell zu konstatieren: Europa ist individuell. Henry Purcells Fantasien etwa klingen ebenso altenglisch wie Shakespeares Worte. „Dhipli Zyia“ von Iannis Xenakis trumpft griechisch-folkloristisch auf. Und Mozarts Sonate für Fagott und Cello KV 292 ist so galant, wie nur ein Wiener Klassiker es vermag.
National gefärbte Individualität somit, die dank vortrefflich aufeinander abgestimmter Musiker unmittelbar zum Ausdruck kam. Für Purcell etwa schmiegten sich die drei Instrumente weich und geschmeidig aneinander, bei Xenakis tanzten Violine und Cello mit derben Schritten, für Mozart reichten Fagott und Cello sich mal innig vertraut, mal verschmitzt die Hand.
Überhaupt: das Fagott. Der Ton, den Theo Plath in den Kirchenraum strömen ließ, war von unwiderstehlicher Wärme und Klarheit, seine Artikulation dabei bestechend exakt. Weil er überdies der a-Moll-Partita BWV 1013 in einer Bearbeitung für Fagott solo mit Augenmerk auf jede Phrase und zugleich weitem Blick aufs Ganze begegnete, wurde die Musik von Johann Sebastian Bach zum Genussstück für die Seele.
Ganz anders indes „Klaus-ur“, ein Werk des Schweizers Heinz Holliger aus den Jahren 2001/02 und ein frecher Beitrag zum Thema: Wie entlocke ich dem Fagott einen Kuss, einen Furz oder gar einen ganzen Bienenschwarm? Auszüge aus Homers „Odyssee“ in griechischer Originalsprache oder Heines „Wintermärchen“, gelesen von den Musikern, bildeten dazu einen ernsthaften Gegenpart. Europa ist bunt und hat vieles zu bieten.
Das Mitreißendste an diesem Abend kam aus Griechenland und Ungarn: Die Duos für Violine und Cello von Nikos Skalkottas und Zoltán Kodály nötigten die Zuhörer auf die Stuhlkante – so expressiv, so intensiv spielten Hunter und Kadesha auf. Da wurden Töne ausmodelliert, da gab man sich hin, da standen Schmerz oder Zorn ungeschönt im Raum. Fürwahr faszinierend, wie die Geige die Noten in nebulöse Ferne rückte, dann allmählich heranzoomte, um sie schließlich tiefenscharf dem Publikum entgegenzuschleudern.
Wer danach noch Atem hatte, der sang: „Ob-la-di, ob-la-da“ von den Beatles als fröhlichen Abgesang auf ein rauschendes Fest. Europa sind wir alle.
