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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Warnung vor Nebenwirkungen

26.02.2011
NWZonline.de NWZonline 2015-07-30T08:59:20Z 280 158

Literatur:
Warnung vor Nebenwirkungen

OLDENBURG Lion Feuchtwanger, der selbst historische Persönlichkeiten von Flavius Josephus bis Goya zu literarischem Leben erwecken konnte, hätte das sensible Porträt seiner Selbst in „Sunset“ zu würdigen gewusst. Der Roman von Klaus Modick (59) ist sogar ein Lesegenuss, wenn man nichts oder wenig von Feuchtwanger (1884–1958) und seiner Beziehung zu Bert Brecht (1898–1956) – der zweitwichtigsten Figur des Buches – weiß, einfach als sensible Geschichte über einen alten Mann, der gerade einen guten Freund verloren hat und auf sein Leben zurückblickt. Modick erzählt seinen Lesern, was sie wissen müssen, auf ruhige, unaufdringliche Weise („Sunset“, Eichborn, 192 S., 18,95 Euro).

Ist man jedoch mit den Literaten der Exilzeit vertraut, kommt man aus dem Kopfnicken gar nicht mehr heraus. Sogar ein Kurzauftritt des Ehepaars Werfel – Franz und Alma, ehemalige Mahler, die gealterte Femme Fatale ihrer Epoche – ist ein Glanzstück für sich, gleichzeitig menschlich anrührend und völlig unsentimental. Vor allem aber staune ich, wie dem Autor das komplexe Verhältnis zwischen Feuchtwanger und Brecht gelungen ist. Das hatte von Feuchtwangers Seite aus, auch wenn er sich bemüht, das zu unterdrücken, häufig einen leicht väterlichen Anstrich, den er dem scharfzüngigen Anarchisten Brecht auf keinen Fall merken lassen will. Apropos Familie: Der Verlust von Lion Feucht­­­­­wangers einziger, nur ein paar Tage lebender Tochter zieht sich durch sein Werk, und Modicks Interpretation der Gründe dafür finde ich inner- und außerhalb des Romans sehr plausibel.

Die kalifornische Landschaft, bis hin zu den Nebelschwaden, die selbst an sonnigen Morgen noch lange an der Küste von Pacific Palisades hinziehen, das merkwürdige Gefühl des Dauerexils, nicht mehr Teil der alten und doch auch nicht wirklich Teil der neuen Welt zu sein, die Paranoia der McCarthy-Ära, doch auch die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft von Amerikanern: All das ist so greifbar wie die bayerischen Spezialitäten, auf die der Emigrant Feuchtwanger mitten in Los Angeles stößt. Er ist eine sympathische Hauptfigur. Modick verschweigt seine Schwächen nicht, doch anders als so manchem Sachautoren gelingt es ihm, Feuchtwangers Beobachtungsgabe, seiner Fähigkeit, andere in ihren Eigenarten zu akzeptieren, seinem Mangel an Fanatismus in einer fanatischen Zeit und seinen unerschütterlichen Versuchen, die Menschen zu verstehen, Gerechtigkeit zu tun.

Noch eine letzte Warnung an die Leser: Wenn Sie nach Lektüre dieses Buches das unwiderstehliche Bedürfnis spüren, entweder mehr von Lion Feuchtwanger oder mehr von Klaus Modick zu lesen, dann geben Sie dem gleich nach. Warum weitere gute Leseerfahrungen aufschieben?

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