Tübingen - Nein, er spart es nicht aus. Das üble wie bezeichnende Gerangel darum, wer in Tübingen 1977 die Grabrede auf Ernst Bloch halten durfte. Der berühmte, sich ewig zurückgesetzt fühlende Germanist Hans Mayer? Oder der sich für absolut bedeutend haltende Rhetorikprofessor Walters Jens? Sie stritten wie die Kesselflicker. Schließlich spricht Jens am Grabe Blochs auf dem Bergfriedhof. Bis ans Lebensende sind Jens und Mayer verkracht.
Gert Ueding erzählt genüsslich von dieser Peinlichkeit in seinem Erinnerungsband „Wo noch niemand war“. Er hat den Universalgelehrten Bloch („Prinzip Hoffnung“) in besonderer Weise kennengelernt, jenen Philosophen, der zweimal ins Exil getrieben wurde: von den Nazis nach New York, von den Kommunisten 1961 aus Leipzig nach Tübingen am Neckar.
Im Erdgeschoss
Ueding, 1942 geboren, wurde 1974 aus Hannover an die neu gegründete Universität Oldenburg berufen. Dort hatte er eine Professur für Literaturgeschichte inne und schrieb schon umfangreich für überregionale Feuilletons, saß in der Jury des berühmten Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt.
Doch die Uni Oldenburg ließ den Germanisten 1983 ziehen. Ueding ging an das Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen, dorthin, wo er einst studiert hatte. Er wurde der Nachfolger von Jens und bundesweit beachteter Ordinarius. Als Kritiker und Autor zahlreicher Bücher, darunter zu Karl May und Friedrich Schiller, ist er bis heute eine herrlich vitale Institution im eher trägen deutschen Wissenschaftsbetrieb.
Uedings jetzt veröffentlichte Erinnerungen an seinen Mentor Bloch haben eine letztlich dem Zufall geschuldete Bewandtnis: Ueding wohnte in Tübingen in einer Studentenbude im Souterrain. Dies ist an sich nichts Bemerkenswertes. Schwäbische Studentenbuden sind berüchtigt, und weit bis in die 80er Jahre konnte man froh sein, wenn man nicht wegen fehlender Waschgelegenheit in eine öffentliche Badeanstalt tapern musste.
Im Erdgeschoss über Ueding wohnte der gerade aus Leipzig geflohene Philosoph, einer der letzten seiner Art, der originales Denken und Sprachgewalt vereinte. Irgendwann abends hörte der Student sich nähernde, tapsige Schritte, es pocht sanft an seiner Tür. Der Philosoph hatte keinen Tabak mehr für seine ewig dampfende Pfeife. Ueding half gern aus. Von da an trafen sich die beiden fast allabendlich zu ausführlichen akademischen, auch allgemeinen Gesprächen – der uneitle Philosoph auf der Höhe seines Ruhms und der scheue Student am Anfang der Karriere.
Diese Konstellation nutzt Ueding, um uns en passant von Blochs Philosophie, aber auch von Blochs Privatleben zu erzählen, und die Betonung liegt dabei auf erzählen, denn Ueding weiß als Rhetorikprofessor alle literarischen Register zu ziehen, um uns beim Lesen kräftig zu unterhalten. So erfahren wir am Rande auch vom Aufstieg Uedings zum Assistenten Blochs und späteren Professor, vor allem aber ausführlich von einer liebevoll geschilderten, tiefen Freundschaft.
Ueding überschreitet in seinem Buch so lustvoll wie gekonnt die oft zu engen Grenzen des herrschenden, meist mittelmäßigen akademischen Stils. Wer Tübingen, diese kleine große Stadt (Walter Jens), kennt, der verschlingt freudig Seite um Seite.
Charmantes Werk
Der Autor war über Jahrzehnte Rhetorikprofessor, naturgemäß weiß er also, die Schwingungen der Gelehrtenrepublik von der Platanenallee auf der Neckarinsel bis zum Lustnauer Tor sprachlich einzufangen. Man taucht in die Gedankenwelt der 50er, 60er, 70er Jahre ein, erfährt von den zarten Händen Blochs, der Erblindung nach verpfuschter Operation, vom Schauspiel der Eitelkeiten nach seinem Tod.
Ein frisches, überraschendes, charmantes Buch. Eines der besten Sachbücher der Saison – eben weil es mehr ist als ein Sachbuch.
