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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Weltkulturerbe: Wasserspiele ohne Pumpen

02.09.2013

Kassel Wasser, das auf einem Berggipfel entspringt, über eine kunstvolle Anlage zu Tal strömt und in einer Fontäne mündet, die höher ist als die von Versailles: diese Vision ließ dem hessischen Landgrafen Karl (1654–1730) vor rund 300 Jahren keine Ruhe. Mit Hilfe des italienischen Wasserbaumeisters Giovanni Francesco Guerniero gelang ihm ein Meisterwerk: Das Herkulesbauwerk mit seinen Wasserspielen, die ohne Pumpen und technische Hilfsmittel auskommen. Aus 600 Metern Höhe stürzen bis heute Wassermassen über geschickt angelegte Kaskaden zu Tal.

Unter der Teufelsbrücke

Im Juni erkannte die Unesco den Bergpark als Weltkulturerbe an – fast 300 Jahre, nachdem 1714 die Wasser zum ersten Mal rauschten. Ob die von Karl gewünschte Fontäne damals schon sprudelte, ist unsicher, sagt Siegfried Hoß, Leiter der Abteilung Gärten und Gartenarchitekturen bei der Museumslandschaft Hessen Kassel. Auf jeden Fall dürfte sie aber zu Lebzeiten Karls die heutige Höhe von 50 Metern – die tatsächlich größer ist als die Höhe des Versailler Pendants – nicht erreicht haben. Denn dazu waren Wassersammelbecken nötig, die erst später angelegt wurden.

Die Wasserspiele seien „einmaliges Beispiel monumentaler Wasserbaukunst des europäischen Absolutismus“, heißt es in der Begründung des Welterbekomitees. Rein absolutistisch präsentiert sich der Bergpark allerdings nicht mehr. Denn Landgraf Wilhelm I.., der spätere Kurfürst Wilhelm I., erweiterte ab 1785 die Wasserkünste – nun aber nicht mehr im barocken, sondern im romantischen Stil.

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Er ließ den Steinhöfer Wasserfall errichten, der die Form eines natürlichen Steinbruchs nachahmt. Das Wasser fließt danach unter der Teufelsbrücke hindurch in den Höllenteich hinunter, um sich dann von einem Aquädukt, das als Ruine konzipiert ist, mehr als 30 Meter in die Tiefe zu stürzen. Endstation ist die Fontäne in Form eines Geysirs, die aus einem 80 Meter höher gelegenen Wasserreservoir gespeist wird.

Bei den ausgeklügelten Wasserspielen gibt es keine Pumpen. Das Wasser kommt mittels einfacher physikalischer Gesetze auf den Berg. Grundlage dafür ist eine einen Kilometer entfernte Hochebene, die über dem Niveau des Bergpark-Gipfels liegt und durch ein Tal von ihm getrennt ist. Hier ließ Karl Gräben und einen See anlegen. Im Winter sammelte er Schmelzwasser, erläutert Karsten Gaulke, Leiter des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts.

Für Liebende

Von diesem See wird das Wasser durch das Tal auf den Berg geleitet, um nach Öffnung einer Schleusenklappe über die Kaskaden zu Tal zu fließen. Das funktioniert nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren: Wenn zwei oben offene Wassergefäße unten durch Röhren miteinander verbunden sind, ist der Wasserstand in ihnen stets gleich hoch.

Der technische Standard war erstaunlich: Einige Wasserrohre stammen noch aus der Zeit der Erbauer. „Landgraf Karl wollte mit dieser Konstruktion die Beherrschung eines der vier Elemente zeigen“, sagt Gaulke. Das Wasser fließt die Kaskaden geordnet hinab und kann sogar mittels eines geschickt erzeugten Luftstromes einen ohrenbetäubenden Ton in den Trompeten mythologischer Figuren erzeugen.

Unweit der Fontäne steht das Schloss, in dem sich auch eine evangelische Kapelle befindet. Pfarrer Martin Becker feiert hier sonntags Gottesdienst. Er denkt angesichts des Welterbetitels auch über Besonderes nach. Ein Angebot: ein „Gottesdienst für Liebende“.

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