Oldenburg - Medienkunst hat eine feste Fangemeinde, die selbst lange Anfahrtswege nicht scheut. Allerdings ist sie einigermaßen überschaubar – noch. Dr. Claudia Giannetti ist angetreten, diesen Umstand für das Oldenburger Edith-Ruß-Haus zu ändern.
Die neue Leiterin und Nachfolgerin von Sabine Himmelsbach, die als Chefin des Hauses für elektronische Künste nach Basel gewechselt ist, hat bei ihren Ausstellungsplänen das „breite Publikum“ im Blick. Überhaupt will sie mit falschen Vorstellungen aufräumen, nämlich dass Medienkunst eine „ungeheuer komplizierte und komische Kunst“ ist.
Dass der international renommierten Kuratorin das auch gelingen könnte, dafür spricht ihre profunde Kenntnis der Medienkunstlandschaft und die Erfahrung der gebürtigen Brasilianerin. Mehr als 130 Ausstellungen hat die 50-Jährige bisher kuratiert, weltweit war sie tätig, nicht nur in Lateinamerika von Mexico bis Argentinien, sondern auch in Europa, etwa im Centre Pompidou in Paris.
Von 1993 bis 1999 war die Wissenschaftlerin, die an der Universität Barcelona über Ästhetik der Medienkunst promovierte und mehrere Sprachen fließend beherrscht, Direktorin des Kunstvereins L’Angelot in Barcelona, das erste auf Medienkunst spezialisierte Haus auf der iberischen Halbinsel. Von 1998 bis 2007 stand sie dem Medienkunstzentrum „Mecad“ als Direktorin vor und übernahm bis 2009 die Leitung des „International Festival for Arts und Digital Cultures“ auf Gran Canaria. Zudem ist sie Professorin an der Uni Évora bei Lissabon und Gastprofessorin an der Uni Pomeu Fabra in Barcelona.
Den Weg in den deutschen Norden hat sie dennoch gesucht, auch ihren Wohnsitz von Barcelona nach Oldenburg verlegt. Denn Deutschlands „herausragende Position“, das weltweite Image im Hinblick auf Medienkunst, hat sie interessiert. Die größten Sammlungen, sagt sie in nahezu akzentfreiem Deutsch, befänden sich hier. Auch wenn nur drei Häuser darauf spezialisiert seien: der Hartware Medienkunstverein in Dortmund, das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und eben das Edith-Ruß-Haus in Oldenburg. Letzteres habe inzwischen internationales Renommee erlangt.
Früher habe Medienkunst einen hohen High-Tech-Anteil gehabt, erläutert sie, aber inzwischen sei die gesamte künstlerische Ästhetik von digitalen Medien beeinflusst, würden sich die Genres überschneiden und Medienkunst auch Malerei, Fotografie und Skulptur beinhalten. Das sehe man selbst bei einem Maler wie Gerhard Richter. Gegen Ende des Jahres sei eine Ausstellung geplant, die diesen Überschneidungen nachspürt.
Den Anfang macht im April jedoch ein Künstler mit großem Namen: Der Essayfilmer und Autor Harun Farocki aus Berlin zeigt Videoinstallationen und audiovisuelle Arbeiten, in denen er das Thema „Spielregeln“ reflektiert. Erst kürzlich hatte er eine Ausstellung im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. „Das ist für jedes Publikum“, kündigt Claudia Giannetti an.
Neben der Vermittlung von Medienkunst, mit der sie den Zugang zu den Arbeiten erleichtern will, möchte die neue Leiterin das Profil des Hauses weiter schärfen und neben den Stipendien auch zwei Preise ausloben (jeweils 3000 Euro plus Ausstellung). Damit soll jungen Künstlern der Einstieg in den Kunstmarkt erleichtert werden. Sie wolle „richtig bekannte Künstler“ präsentieren, betont die Brasilianerin, dabei aber den Nachwuchs nicht vergessen. Genau diese Balance zu halten, ist ihr Ziel.
