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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Christbaum & Co.: Seit wann gibt es Weihnachtsbäume in Deutschland?

24.12.2019

Der alte Riese strahlt. Eine stattliche Nordmann-Tanne, glitzernd im Glanz von 30 Lichterketten und 4000 energiesparenden LEDs. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatte sich der grüne Hüne auf seinen großen Auftritt im Berliner Kanzleramt vorbereitet, ehe er nahe der Ostsee mit Krachen und Knacken zur Erde fiel.

Der 16 Meter messende Prachtbursche für Angela Merkel stammt vom Gut Dobersdorf in der ostholsteinischen Schweiz. Auf dem barocken Anwesen bewirtschaft Christian von Burgsdorff (54) in dritter Generation einen der größten Weihnachtsbaumbetriebe Norddeutschlands. Auf 600 Hektar baut der Herr der Bäume jährlich 800 000 Nordmanntannen, Nobilis und Rotfichten an.

Tausende leuchtender Tannen breiten derzeit in allen deutschen Städten ihre Zweige aus: Vor dem Brandenburger Tor in Berlin, vor dem Oldenburger Rathaus, auf dem Christkindlmarkt in Regensburg. Ein Prachtstück überragt sie alle: Alljährlich wächst in Dortmund einer der größten Weihnachtsbäume der Welt gen Himmel: ein 45 Meter hohes Metallskelett, bestückt mit einem Mantel aus 1700 Sauerländer Rotfichten und 8000 LED-Lämpchen.

Der Weg der Tanne zum „Weihnachtsbaum für alle“ beginnt kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Auf unzähligen Stimmungsbildern strahlt der geschmückte Christbaum mit sentimentalem Glanz – ein Idealbild, von dem eine ganze Bevölkerungsschicht nur träumen kann: In kaum einem Arbeiterhaushalt gehört der Baum selbstverständlich dazu. Wochenlang müssen die Familien sparen, um ihren Kindern diese Weihnachtsfreude bereiten zu können. Das Lied „Arbeiter-Stille-Nacht“ von Boleslawe Strzelewicz beschreibt die Not: „Stille Nacht, traurige Nacht, ringsherum Lichterpracht! In der Hütte nur Elend und Not, kalt und öde, kein Licht und kein Brot...!“

Licht für alle

1919 ruft der Reichstag dazu auf, in allen Städten einen „Weihnachtsbaum für alle“ aufzustellen. Erstmals flammen auf öffentlichen Plätzen elektrisch beleuchtete Weihnachtsbäume auf. Als Zeichen der Nächstenliebe für all jene, die das festliche Bild in ihren Familien nicht entfalten können. Das Licht der Bäume soll vor allem Kinder und Witwen erreichen, deren Väter und Ehemänner auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs geblieben sind. Schon bald kommen Weihnachtsfeiern unter freiem Himmel in Mode.

Als „Heiligtum der Familie“ propagieren nach 1933 die Nazis den „heidnisch-germanischen Weihnachtsbaum“. Im ganzen Reich, in jedem Ort, zentral und öffentlich, seien „Julbäume“ mit Lichtern zu schmücken, von dem sich die Familien „ihr Licht mit nach Hause nehmen“ können. Nicht selten inszenieren die braunen Machthaber ihre Propagandaaktivitäten direkt vor den „kollektiven Lichterbäumen“.

Der Brauch, die dunkle Winterzeit mit immergrünen Pflanzen aufzuhellen, war nichts Neues. Wann unsere Vorfahren entdeckten, dass bunter Schmuck die Zweige viel flotter machen kann, ist weitgehend unbekannt. Vieles spricht dafür, dass der Christbaum heutiger Prägung seine Premiere am Oberrhein erlebte. Demnach war der erste geschmückte Weihnachtsbaum vermutlich ein Breisgauer: 1419 sollen Freiburger Bäcker im dortigen Heilig-Geist-Spital einen Baum mit Lebkuchen, Nüssen, Äpfeln und Flittergold behängt haben.

Doch die Sache ist verzwickt: So reklamierte 2010 das lettische Riga das 500. Jubiläum des ersten geschmückten Baums für sich. Anderen Quellen zufolge wurde schon 1539 in Straßburg mit Weihnachtsbäumen gehandelt. Wenig später tauchte der Brauch auch im Norden auf: Eine Zunftchronik von 1570 verrät, dass Bremer Handwerker in ihrem Zunfthaus ein mit Nüssen, Äpfeln, Brezeln und Papierblumen bestecktes Dattelbäumchen aufstellten.

Gegen die „nieuwe Unsitte“ hagelt es Kritik: „Eyn gar teuflisch Brauch!“ wettert der Elsässer Stadtsyndikus Sebastian Brant (1457–1521). 1693 untersagt Preußen das „Aufrichten von Bäumen mit Kränzen, um welche das junge Volk tanzet und viel Unfug dabey treibet“.

Wohl in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden erstmals Kerzen an den Baum gesteckt. Doch der Lichterglanz war dem Adel vorbehalten. Erst mit der Erfindung des Stearins (1818) und des Paraffins (1833) eroberte die Kerze die Stuben breiter Bevölkerungsschichten.

Im 19. Jahrhundert rückt Weihnachten zum zentralen deutschen Familienfest auf. Ein romantischer, schwärmerischer Lebensstil spiegelt sich in den Christbäumen des Biedermeiers wider. Feen und Zauberer, Drachen und Zwerge hängen an den Zweigen, ebenso Spielzeugtuten und kleine Trommeln, Pfefferkuchen und Rauschgoldengel.

Ausgerechnet der Krieg gegen die Franzosen 1870/1871 forciert die Produktion von Weihnachtsbäumen. Kaiser Wilhelm I. feiert die Heilige Nacht in Versailles unter dem „Kaiserbaum“. Ebenfalls im 19. Jahrhundert diniert Queen Victoria erstmals vor einem geschmückten Baum. Ihr Ehemann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, hatte die deutsche Tradition im Buckingham-Palast hoffähig gemacht. 1891 leuchtet erstmals ein Christbaum vor dem Weißen Haus des US-Präsidenten.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg gerät die Tanne wieder in den Sog der Politik: In Zeppelinen fliegt Hindenburg durchs Geäst. Pickelhauben, Gewehre und Schokobomben baumeln im Grün. Während des Dritten Reichs schleichen sich Hakenkreuz und Rune in die Bäume.

Harmonisch und bunt

Wo nach dem Krieg nostalgischer Schmuck die Bombennächte überstanden hat, wird er wieder hervorgekramt. Der Weihnachtsbaum soll so aussehen wie die Welt, als sie noch nicht zerstört war: harmonisch, bunt, märchenhaft.

Ende der 1960er Jahre gerät die Tanne ins Wanken. Aufmüpfige Studenten, in den Adenauer-Jahren noch autoritätsgläubig und angepasst, kritisieren die „geheuchelten Gefühle“. Sie fordern die Abschaffung des Weihnachtsbaums. Doch der grüne Riese bleibt standhaft: Geschätzte 29 Millionen Christbäume ziehen heutzutage vom Wald in die Städte und in die warmen Stuben. Ob auf dem Londoner Trafalgar Square, vor dem Rockefeller Center in New York oder vor dem Petersdom in Rom – die grünen, leuchtenden Inseln sind weltweit aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

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