WEIMAR/LEIPZIG - Germanisten wissen, wie bedeutend Christoph Martin Wieland ist. Das allgemeine Publikum kennt ihn kaum. Warum fasziniert er Reemtsma, den Philologen, Publizisten und Mäzen, den Multimillionär, den Mann, der 1996 Opfer der sogenannten „Reemtsma-Entführung“ wurde, den generösen Stifter des Hamburger Instituts für Sozialforschung?

„Ich stelle mir die Frage der Bedeutung nicht“, sagt der 55-Jährige entschieden, „ich frage mich vielmehr, ob das Publikum auf der Höhe ist, sich mit den Klassikern unserer Literatur einzulassen! So herum wird doch ein Schuh daraus!“

Und schon im nächsten Satz zitiert er fein, aber etwas elitär Arno Schmidt, jenen damals herzkranken Dichter, dem Reemtsma 1977 satte 350 000 DM als Unterstützung anbot. Schmidt starb 1979. Reemtsma hat ihn nicht vergessen: „Die Kunst, meinte Schmidt einmal, hat nicht zum Volke, sondern das Volke sich zur Kunst hinzubegeben!“

Schon zu Lebzeiten von Wieland hatten die Leser viele Probleme mit Wieland. Er wurde als Avantgardist gescholten, als Franzosenfreund, als Wahrer der Antike. Das war – in jener Zeit – eher negativ. Die Stürmer und Dränger kämpften gegen Wieland. Klopstock-Anhänger nutzten, weiß Reemtsma, Buchseiten aus Wielands Werken zum Anzünden ihrer Pfeifen: „Die erste moderne Bücherverbrennung!“ Die Romantiker fegten den Aufklärer als „undeutsch“ von Büchertischen. Das 19. Jahrhundert wurde durch Schiller und Goethe dominiert, Wieland wurde vergessen. Die Literaturgeschichte denunzierte ihn als Plagiator: „Dabei sah Wieland sich nie als einen Autor, der Stoffe erfindet!“, schimpft Reemtsma.

Wieland sei es um neue Formen gegangen. Begriffe wie Originalität kamen erst später auf: „Goethe wirft man ja auch nicht vor, den Faust-Stoff übernommen zu haben“, mokiert sich Reemtsma. Der sachliche Hanseat, der keine persönlichen Fragen über sich wünscht, kämpft schon länger für Wieland. So wollte er in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts mit einer Wieland-Ausgabe demonstrieren, dass man gute Klassiker preiswert auflegen konnte. Das Experiment glückte – und ging doch schief: Drucker Franz Greno, damals berühmt, drängte nach 10 000 verkauften Exemplaren auf eine zweite Auflage. Reemtsma gab nach – ein Fehler. Die Bücher blieben liegen.

Reemtsma kümmert sich seit Jahren um das Gut Oßmannstedt bei Weimar. Dort starb Wieland die Frau weg, die ihn ein Leben lang siezte. Wieland scheiterte dort als ungeschickter Unternehmer, aber das interessiert Reemtsma nicht: Wieland habe Weimar erst erfunden, darauf komme es an. Wieland sei Prinzenerzieher gewesen, habe den „Teutschen Merkur“ herausgeben, mit Weimar einen Ort geschaffen, auf dem man guckte: „Deshalb ging Goethe dorthin!“

Schlägt Reemtsmas Herz inzwischen mehr für Literatur als für die Sozialwissenschaften? Schließlich ist er Stifter des entsprechenden Instituts in Hamburg. „Ich liebe beides. Wenn ich ins düstere 20. Jahrhundert blicke, dann bin ich wieder froh, wenn ich ins 18. Jahrhundert abtauchen kann, das sich eine Judenvernichtung nicht vorstellen konnte!“

Infos: www.wielandgut.de