WEIMAR - Lutz Görner ist Rezitator. Vor allem Lyrik-Rezitator. Auf gut Deutsch: Er trägt Gedichte vor. Das klingt langweilig, ist aber wunderbar. Görner ist Kölsches Urgestein, wohnt aber inzwischen in Weimar.
Nichts wirkt bei ihm überkandidelt oder oberlangweilig. Im Grunde ist Görner sogar ein großer Reparateur: Er richtet, was die Schule in Sachen Lyrik demolierte. Was da an Langeweile und Bildungsmüll aufgehäuft wurde und wird, pustet Görner munter in ein, zwei Stunden weg – ohne in Kitsch zu versinken, ohne den billigen Witz zu suchen, ohne seinen Gegenstand zu verraten.
Görner ist der beste Mann auf seinem Gebiet. Und wer seine sonore Stimme und seinen fulminanten Vortrag mal erlebt, etwa mit seinem Heine- oder Goethe-Programm, der wird geradezu süchtig nach diesem Ausnahmekünstler. Denn Görner ist ein lockerer, lässiger, lebensnaher Typ.
Mit der Zeit – er ist jetzt 67 – etwas füllig geworden, stellt er sich im weiten Hemd und in großzügiger Jeans vorn an die Rampe, plaudert ein wenig hier, zitiert dort. Den roten Faden liefert für so einen Abend in der Regel eine Biografie – das wird jetzt auch in Oldenburg der Fall sein, wo er vom 12. bis zum 16. September an gleich fünf Abenden gastiert (siehe Info-Kasten).
Spatzensalat
Fünf Abende hintereinander mit fünf verschiedenen Programmen in einer Stadt? Ist das hart? „Dafür brauch’ ich nicht ’rumzufahren, bin an einem Ort“, erläutert der praktische Mann. „Das ist doch“, ergänzt Görner, „schön und luxuriös und mal ziemlich egoistisch.“ Fünfmal Görner! Da lacht er herrlich. Insgesamt 115 Auftritte sind in 23 Wochen geplant. Er hat die Orte ausgesucht, in denen er am meisten E-Mail-Adressen von Fans ergatterte, erläutert Görner. Oldenburg gehört neben Bonn und Berlin dazu.
Ausgesucht hat er sich die Programme, die er liebt: Heines „Wintermärchen“, Goethes Gedichte, sein Humor-Programm, dazu ein Chopin-Abend und Balladen für Kinder.
Neu im Angebot ist das Chopin-Programm, das mit der Pianistin Elena Nesterenko gestaltet wird. Dabei greift Görner auf eine Biografie von Franz Liszt über dessen Freund Frédéric Chopin zurück. „Wunderbar, tief, berührend“ sei die Biografie, schwärmt Görner, man werde über den Abend „staunen“.
Staunen kann man auch über Görners bekanntestes Programm, die Balladen für Kinder, die vor 27 Jahren im Versandhandel „Zweitausendeins“ herauskamen und sofort in Höhe von 80 000 Exemplaren bestellt wurden. Sein Verleger musste zeitweilig vier Mitarbeiter einstellen, um die Menge verpacken zu können. Mittlerweile gibt es von seinen Kinder-Kassetten und CDs über eine Million Exemplare. Kein Wunder, die alten Hit-Balladen ziehen bis heute: der „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“, der „Zauberlehrling“, der „Schiffer Paule“, der „Spatzensalat“ und vieles mehr. Da kann man lachen und so manches Tränchen verdrücken.
„Balladen für Kinder“ ist bis heute ein Programm für die ganze Familie. Man kann schon jetzt Eltern mit Kindern Richtung Görner-Vortrag marschieren sehen. Kein Wunder, dass er auch den „Rattenfänger“ rezitiert. Indes, Görner meint: „Mein Publikum ist auch mit mir älter geworden.“ Das ist für ihn keine Klage, sondern eine Feststellung. Kann die Jugend, wie oft geklagt, keine Texte mehr verstehen? „Meine Texte schon“, murmelt Görner. Nur: „Die Jugend hat heute was anderes zu tun, die hängen vor Computern oder am Handy. Der Einschnitt in die Kultur ist stärker als Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks!“
Nie müde
Als er 1981 „Goethe für alle“ in Düren in der Stadthalle vortrug, bekamen alle Gymnasiasten der Stadt dafür frei. Und sie kamen alle. Und alle waren begeistert wie Bolle. „So etwas“, weiß Görner, „erlebt man heute nicht mehr. Literatur scheint nicht mehr so wichtig“.
Das zu ändern, wird Görner nicht müde werden.
