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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Weltkarussell dreht sich immer weiter

15.02.2016

Bremen Der Regisseur Paul-Georg Dittrich sagt über die Musik von Alban Bergs Oper „Wozzeck“, sie sei „so scharf wie ein Rasiermesser“. Und der „Wozzeck“ wird auch heute noch von vielen Menschen wie ganz moderne, zeitgenössische Musik empfunden, obwohl die Uraufführung schon vor 90 Jahren stattfand. „Wozzeck“ ist unter den Opern des 20. Jahrhunderts zu einem Standardwerk auf allen Bühnen der Welt geworden.

Jeder sieht jeden

Umso erstaunlicher, dass die letzte Bremer Inszenierung 45 Jahre zurückliegt. Dafür ist die neue, längst überfällige Inszenierung aber szenisch und musikalisch hervorragend gelungen. Auf der von Pia Dederichs und Lena Schmid ausgestatteten Bühne befindet sich eine fast ständig rotierende Scheibe mit gewaltigen Stahlkonstruktionen in mehreren Etagen. Sie erfüllen ihre Funktion als Wohnblock oder Wachturm.

Es ist ein transparentes System, bei dem es keinen Privatbereich gibt: Jeder sieht jeden, jeder sieht, was der andere macht. Alle Personen der Oper sind gleich am Anfang auf diesem „Weltkarussell“ postiert. Und nachdem Wozzeck seine Marie ermordet hat und er selbst ertrunken ist, wird alles wieder auf Anfang gestellt, als sei nichts gewesen. Die Welt dreht sich hoffnungslos weiter.

Dittrich zeichnet die Repräsentanten der Unterdrückung und der Menschenverachtung, nämlich den Hauptmann, den Tambourmajor und den Doktor, eindrucksvoll als grelle Karikaturen, ohne ihnen die Gefährlichkeit zu nehmen.

Die gefühlsarme Welt wird auch auf die Kinder übertragen, die bei Dittrich eine besondere Rolle spielen. Sie sind keine Hoffnungsträger, sondern werden in das System integriert.

Über Monitore werden sie mit Parolen wie „Strafe“, „Ordnung“, „Präzision“ oder „Reinlichkeit“, ergänzt um kleine Animationen mit Panzern und Soldaten, überschüttet.

Marie ist mit ihrem aufreizend kurzen Röckchen zwar ein Flittchen, in der Liebe zu ihrem Kind aber aufrichtig. Und wenn sie sich dem Tambourmajor hingibt, geschieht das zunächst widerwillig und nicht ohne Abscheu: Sie duscht danach fast zwanghaft. Wozzeck selbst scheint die Demütigungen zunächst mit stoischer Ruhe hinzunehmen. Aber es gärt in ihm und sein Ausbruch der Gefühle fällt umso heftiger aus.

In der Titelpartie überzeugte Claudio Otelli mit einer unter die Haut gehenden Darstellung. Sein viriler, angerauter Bariton passte sehr gut zu der Rolle, die seelischen Verwerfungen der Figur konnte er intensiv verdeutlichen. Mit Nadine Lehner stand für die Marie eine perfekte Besetzung zur Verfügung. Ihrem kraftvollen Sopran gewann sie eine Vielzahl von Farben und Emotionen ab: grell, verführerisch, liebevoll oder lasziv.

Kunstvoll konstruiert

Christian-Andreas Engelhardt gab den Tambourmajor als aufgeblasenen Protz mit gleißendem Tenor, Martin Nyvall war als Hauptmann ebenso qualitätvoll. Dem Andres, einer weiteren Tenorpartie, sicherte Hyojong Kim fast belcantistischen Glanz. Christoph Heinrich war der Doktor, der Freude an seinen abgefeimten Experimenten fand.

Was Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker aus dem Graben lieferten, war sensationell. Bergs kunstvoll konstruierte Musik wurde in allen Feinheiten realisiert. Die Ausbrüche des Orchesters beim Mord an Marie hatten vulkanische Gewalt und waren einfach überwältigend. Es stimmt: Musik, so scharf wie ein Rasiermesser.


Alle Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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