Sande - Visite im Wohn- und Pflegeheim Sanderbusch. Anja Bäuerle, eine schwerstbehinderte Frau mittleren Alters, liegt im Halbschlaf in ihrem Zimmer im Krankenbett, als es an ihre Tür klopft. Herein kommt Pflegedienstleiterin Marlene Melius, und sie hat jemanden mitgebracht, der die müden Augen der pflegebedürftigen Frau vor Freude leuchten lässt.

Großesel Argos, geführt von Einrichtungsleiter Thomas Kähler, trottet gemächlich ans Krankenbett und gibt ein paar röhrende Laute von sich, was auf eselisch vermutlich so viel heißt, wie „Hallo, Anja, na, wie geht’s Dir heute?“ Und Anja Bäuerle lächelt glücklich und gibt mit Gesten zurück, was sie mit Sprache nicht mehr ausdrücken kann: „Na mein Freund, wie schön Dich zu sehen.“

Mensch und Esel gehen auf Schmusekurs, tauschen ein paar Streicheleinheiten aus, dann ziehen Argos, Marlene Melius und Thomas Kähler weiter über den Flur des Pflegeheims in ein anderes Zimmer zu einem weiteren Patientenbesuch.

Der tierische Besuch am Krankenbett ist im Wohn-und Pflegeheim seit einem halben Jahr Teil der therapeutischen Arbeit mit dementen und seelisch behinderten Menschen. 96 pflegebedürftige Patienten leben in der Einrichtung, 40 weitere Plätze gibt es in der Eingliederungshilfe.

Der Anblick der Tiere im Haus und gar am Krankenbett ist nicht mehr ungewöhnlich, für alle Beteiligten, aber immer wieder etwas Besonderes, sagt Marlene Melius. „Die Herzen der Menschen öffnen sich, wir haben über die Tiere besseren Zugang zu ihnen.“

Einer von ihnen ist Uwe Bleschke, der nach einem schweren Schlaganfall auf den Rollstuhl angewiesen ist und in Sanderbusch betreut und versorgt wird. „Wir merken, wie er wieder aufblüht, seit er regelmäßig Kontakt zu dem Esel hat“, so Marlene Melius.

Seit dem Frühjahr gehört Argos, ein aus Frankreich stammender Poitou-Esel, mit seinen Artgenossen Belle, Venus, Ambre und Babouche zu den Mitbewohnern des Wohn- und Pflegeheims (die NWZ  berichtete). Die gutmütigen Tiere sind die Lieblinge der Bewohner, Betreuer und Mitarbeiter. Tagsüber stehen die Großesel gleich vor der Haustür im Eselpark Sanderbusch im Mittelpunkt auch vieler Besucher des Nordwest-Krankenhauses.

Die großen Tiere werden in der tiergestützten Pädagogik und Gerontologie eingesetzt, erklärt Jessica Wehrmann, die die pädagogische Arbeit mit den Tieren leitet. In das pädagogische Reiten werden auch die Bewohner des Wohnheims Am Markt in Sande und des Wohnheims Friedenstraße in Wilhelmshaven einbezogen.

„Wir haben uns für Großesel entschieden, weil sich die Esel weder vom an- und abfliegenden Rettungshubschrauber, noch vom Verkehr auf den in der Nähe verlaufenden Bahngleisen gestört fühlen“, erklärt Thomas Kähler, der die Tiere über einen Züchter am Steinhuder Meer sowie aus den Vogesen erhalten hat. Außerdem müssen die Esel, die bis zu 50 Jahre alt und 450 Kilogramm schwer werden können, auch kräftiger gebaute Menschen tragen können. „All das ginge mit kleinen Eselchen natürlich nicht“, sagt Kähler.

Tierische Begleiter in der Beschäftigungstherapie sind für Sanderbusch nicht neu: Bereits bis in die 1980er Jahre hinein war dies üblich. Daran erinnerte sich Kähler, als er auf einer Fachmesse auf die tiergestützte Pädagogik stieß, dieses Element wiederbeleben wollte und das neue Projekt mit Hilfe der Stiftung Oldenburgischer Generalfonds und der Geschäftsführung des Pflegeheims anschob.

Bis zur Aufnahme der Tiere war auf dem Parkgelände viel zu tun. Die Gartengruppe und weitere Bewohner bereiteten das Gelände in einer Gemeinschaftsaktion vor, zäunte es ein und richtete einen offenen Stall her. „Nächstes Jahr wollen wir mit der Eselzucht beginnen“, sagt Kähler. Für Eseldame Venus sei schon der geeignete Eselmann gefunden.

Heiligabend hat Großesel Argos seinen nächsten Auftritt im Pflegeheim: Am späten Nachmittag feiert Sandes Pastor Gerd Pöppelmeier dort wie jedes Jahr mit den Bewohnern und Mitarbeitern einen Weihnachtsgottesdienst. Argos soll dabei im Mittelpunkt stehen.

Auch wenn in der Bibel nichts von einem Esel geschrieben steht: Für die meisten Christen sind Ochs und Esel wichtige Figuren der Weihnachtsgeschichte. Das geduldige Tier, so heißt es, hat Maria und Josef nach Bethlehem begleitet und gehört fest zum Bild von der Krippe in Bethlehems Stall.

Nach dem Gottesdienst im Saal des Pflegeheims ziehen Marlene Melius und Thomas Kähler wieder mit Argos über die Flure der Einrichtung. Als Weihnachtsmann besuchen sie mit ihrem Esel Patienten, überreichen Geschenke und überbringen die frohe Weihnachtsbotschaft. Und Argos wird hinterhertrotten und den Patienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Dann ist auch für Anja Bäuerle, Uwe Bleschke und all die anderen Patienten Weihnachten.

Oliver Braun
Oliver Braun Redaktion Jever