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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Premiere: Wenn das Elend glänzt

09.02.2015

Oldenburg Das Stück beginnt in Oldenburg an einer Stelle, an der es eigentlich aufhört: Das Haus der Buddenbrooks, angedeutet durch einen Saal, ist bis auf ein paar Stühle leer. Der Reichtum früherer Tage ist untergegangen, die drei Erben streiten sich. Das Haus wird verkauft. Wie es dazu kam, wird rückblickend in den folgenden drei Stunden erzählt, die nie lang werden – im Theater etwas Seltenes.

Thomas Manns monumentalen Roman „Buddenbrooks“ in ein abendfüllendes Drama zu gießen, ist ein wahnsinniges Unterfangen. Sozusagen wie bei der Knorr-Suppe: Das ganze Rind in einer Dose. So mancher Film ist daran gescheitert. John von Düffel, in den 90er-Jahren mal Dramaturg in Oldenburg, hat es aber geschafft. Sein Stück überzeugt im Großen Haus des Staatstheaters mit der Konzentration auf die Buddenbrook-Geschwister Thomas, Christian und Tony, deren jeweiliges Scheitern den Niedergang der Firma fast zwanghaft erscheinen lässt.

Regisseur Peter Hailer lässt die Zeiten und Generationen leicht verschwimmen, holt den toten Papa Buddenbrook wieder zur Tür rein, und nicht nur in solchen Szenen lebt und bebt der riesige, den ganzen Abend im Grunde unveränderte Bühnenraum.

Jens Ochlast wirkt zu Beginn wie ein Erzähler der Geschichte. Auf feine Weise rutscht er ganz in die Rolle des Thomas Buddenbrook hinein. In dessen strengen Augen spiegelt sich der Ernst der wirtschaftlichen Lage. Den begreifen weder sein geschwätziger, kränklicher Bruder Christian (Langhaarkünstler mit Hemd aus der Hose: Leander Lichti) noch seine Schwester Tony. Franziska Werner zappelt sich als Tony vom Backfisch zum zweimal enttäuschten, indes robusten Objekt von Mitgiftjägern.

Aber die dominante Figur ist Thomas Buddenbrook, gespielt von Jens Ochlast. Der bügelt Thomas auf Krawatte. Thomas ist ganz Fassade, voll eiserner Selbstdisziplin. Aber Thomas, der sich im Betrieb abrackert, wird nie belohnt. Seine frömmelnde Mutter wirft den Pfaffen das Geld hinterher. Die Schwester ein Kostenfaktor, der Bruder ein Schnorrer. Im Grunde glänzt das Elend, und Thomas könnte das Wort Familienbande sehr konkret buchstabieren.

Aber erst am Ende, weit nach der Pause, bricht es aus ihm heraus. Der ausgelaugte Thomas zappelt los, bibbert vor Zorn, brüllt und leidet. Er war stets ein Schauspieler seiner selbst. Ungelenke Bewegungen wollen nun alle Demütigungen auffangen, die niemand mehr repariert. Kein Wunder, dass sich Thomas die Familienchronik schnappt und in der Ecke stirbt.

Arme reiche Leute? Thomas ist eine Gestalt von griechischer Tragik. Dagegen verblassen andere Figuren, etwa der wuchtige Papa Buddenbrook (Thomas Lichtenstein), der vom Kapitalismus lebt, ihm aber nicht gewachsen ist. Und wenn Tony darüber klagt, wie sehr noch ein Kindermädchen fehle, spüren wir, dass hinter dem altmodischen Kronleuchter am Ende der Bühne neben der Überforderung der unmündigen Dame auch die Gier lauert.

Die Regie hat die Charaktere greifbar geformt und die Handlung plausibel angelegt. So funktioniert das Stück unabhängig vom Roman. Stimmig wurde das Ganze ins Heute transportiert. Ein schöner Rhythmus, fließende Übergänge und subtile Ironie krönen die Inszenierung.

Immer wieder bündelt dabei der an sich leere Raum die Aufmerksamkeit. Mal wirkt er wie ein Kontor mit flatternden Papieren, mal wie ein mondäner Bürgersalon. Hinten lauert in einem riesigen Rechteck das Dunkel. Papa Buddenbrook ist da hinmarschiert. Hanno muss das ein Gedicht aufsagen. Aber es geht nicht bierernst zu. Nicht nur der schnauzbärtige bayerische Permaneder lässt uns lachen.

Drei Stunden Aufführung können furchtbar sein. In Oldenburg sind sie das nicht. Der Abend ist ein Sieg des Theaters über die Verfilmung. Langer Beifall.


Alle NWZ -Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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