Tossens - Nur wenige Wörter werden so oft missbraucht wie das Wort „Helden“. Anlass genug für die Zinzendorfschule, sich damit auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse eines gut halbjährigen Arbeitsprozesses waren am Donnerstagabend in der Aula zu sehen: zwei Theater- und zwei passende Musikstücke. Die Leitung hatten Connie Howell (Theater) und Beate Hermenau (Musik).
Es waren die Siebtklässler, die sich dem Thema in Form von Improvisationen, anschließender Recherche, Reflexion und Diskussion näherten. Nach und nach entwickelten sie ein Konzept für Figuren und ein Stück, in dem diese miteinander agierten.
Sterbendes Mädchen
Bei der abschließenden Formgebung half ihnen Connie Howell mit ihrer Erfahrung Texte zu verfassen, so dass zwei überaus beeindruckende Kurzdramen sehr unterschiedlichen Charakter entstanden. Zum ersten wurde ein passendes deutsches über „Stille Helden“, zum zweiten ein Lied mit englischem Text über ein sterbendes Mädchen namens Sophie einstudiert.
Für Kinder, die „nicht richtig funktionieren“, gibt es im ersten Stück eine Klinik. Dort hat der Professor schon seinen Assistenzarzt kuriert, der jetzt nichts mehr vergisst und alles weiß, aber auch vieles fallen lässt und umwirft – das sind die Nebenwirkungen.
Mit der schneidigen Schwester und weiteren Assistenten „reparieren“ sie gegen gute Bezahlung Kinder, kurieren Mathematik-Schwächen, Faulheit, Begriffsstutzigkeit, Aufsässigkeit, Unordnung, Schulunlust und ADHS. Dazu verabreicht das Klinikpersonal ihnen individuell zusammengestellte Pillencocktails. Eine Gruppe Kinder unterhält sich noch darüber, was ihre Eltern oder Lehrer an ihnen nicht mögen, da kommen schon die Therapeuten und versorgen sie mit Medikamenten. Als sie nach kurzer Schlafphase wieder aufwachen, sorgen sie sich um ihre Identitäten und unterhalten sie sich gegenseitig mit Superhelden-Geschichten, bis sie plötzlich auf den Musterschüler stoßen: fleißig, klug, angepasst, ordentlich, lieb und – völlig fantasielos.
So wollen sie alle nicht werden. Sie beschließen für ihre Persönlichkeiten zu kämpfen, wollen sie selbst bleiben und wehren sich gemeinsam gegen das Klinikpersonal – heldenhaft.
Im zweiten Stück treffen auf der zunächst leicht verdunkelten Bühne zu traurig-melancholischer Musik mehrere Kinder zusammen, die sich auf verteilt aufgestellten Stühlen niederlassen. Nach und nach erkennen die Zuschauer aus ihren (Leidens-)Geschichten, dass es sich um einen Raum in einer kinderpsychiatrischen Einrichtung handelt. Zwanghaftes Zappeln, Essstörungen, Tourette-Syndrom, Angstneurose, Waschzwang, Burnout, Stottern oder Apathie und Kontaktschwierigkeiten haben sie hierher gebracht. Mit Pillen und in Gruppensitzungen wird daran gearbeitet, ihre jeweilige Situation zu verbessern oder sie zu heilen.
Eltern schlucken
Auch gelegentliche Texthänger und der Aufregung geschuldete kleine Missgeschicke konnten die eindrucksvolle Darstellung kindlichen Leids und Heldenmuts nicht beeinträchtigen. Eltern, Verwandte, Freunde und Theaterinteressierte konnten sich der Wirkung nicht entziehen, hatten am Gebotenen zu schlucken und spendeten umso energischer Applaus. Die Schulleiterin Andrea Tur-mann dankte auch den Bühnentechnikern Rabea Meiners und Lukas Mendelsohn sowie Bühnenbauer Richard Howell.
