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Premiere Wenn man Veränderungen hasst

Reinhard Tschapke

Oldenburg - Er ist hochintelligent und saudumm. Was die tägliche Lebenspraxis angeht, erweist sich der Egozentriker als Niete, mathematisch dagegen als Genie: Christopher Boone steht in Oldenburg unruhig auf der Bühne des Kleinen Hauses. Er hampelt ein wenig, seine Arme zucken ungelenk.

Mit Worten fuchtelt er indes logisch herum und plappert so in eine krause Geschichte hinein: der Hund der Nachbarin wurde ermordet. Vorn an der Rampe steckt die Forke. Der Vater ist manchmal nervig, die Mutter krank und später tot. Und da haben wir noch gar nicht erwähnt, dass Christopher Boone jegliche Berührung und Veränderung hasst.

Milde Form des Autismus

Der 15-Jährige kennt alle Primzahlen bis 7507. Zudem kann er uns einen Vortrag übers Weltall halten, bei dem Einstein mit den Ohren gewackelt hätte. – „Supergute Tage“ ist ein britisches Theaterstück von Simon Stephens nach dem 2003 erschienenen Erfolgsroman von Mark Haddon. Im Zentrum steht ein Junge, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, einer milden Form von Autismus. Seit dem Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman ist derlei etwas Mode geworden.

Auch Christopher Boone ist hochbegabt. Der ist in diesem Fall allerdings eine Sie: Die zarte Franziska Werner spielt den Teenager Boone. Sie macht das fantastisch, man vergisst sofort ihr Geschlecht, sieht nur noch den Jungen, der detektivisch den Tod eines Pudels klären will und dabei im Familiendrama und Erwachsenwerden landet.

Wuschelkopf Franziska Werner arbeitet hochkonzen­triert. Das ist Teil der Rolle, die auch mal vor Witz sprüht, was gewiss der überlegten Regie von Jana Milena Polasek zu verdanken ist. Man sucht nie das Schrille, sondern immer die schlichte Lösung. Eine alte Nachbarin? Die junge Magdalena Höfner macht einen Buckel und stützt sich altfraulich auf einen Regenschirm. So klar kann Theater sein.

Papa und Mama, die Schauspieler Thomas Birklein und Nientje Schwabe, erscheinen angesichts von Boone als wirbelndem Zentrum wie Randfiguren. Den Zuschauer fasziniert zuerst das Exotische: Wie ein Kleinkind flennt Boone und kotzt sich voll. Boone starrt auf eine gebrochene Welt, weil die verzweifelte Mama nicht tot ist, sondern aus Angst vor Problemen weglief. Der überforderte Papa lügt Boone an, und kein verdammter Schaffner kann auf der Reise nach London mit Autisten umgehen. Offenbar ist nicht Boone behindert, sondern er wird behindert.

Ruhiges Wasserrad

Da ist also eine Busladung von Problemen zu bewältigen. Zum Glück kommt das Stück nicht bierernst daher, sondern überzuckert das Desaster. So erklärt uns Boone lustig, dass er Metaphern nicht versteht. Sätze wie „Er hat eine Schraube locker“, übersteigen seine Kapazitäten. Dann dreht er durch.

Zum Erfolg des Abends trägt eine praktisch wandlose Bühne von Stefanie Grau bei. In der Mitte dreht sich hinter einer Lupe ein goldenes Wasserrad. Das beruhigt. Zudem kann der technikverrückte Boone exakt berechnen, wie lang der Bremsweg für das Teil ist. Also endlich der „Rain Man“ fürs Oldenburgische? Das pädagogische Stück zur Diskussion über die Inklusion? Nein, es wird mehr geboten: ein spannendes, inniges Drama, in dem man sich in keiner von 90 pausenlosen Minuten langweilt.

Mächtiger Beifall, besonders für Franziska Werner.

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