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Premiere Im Theater Laboratorium Wenn Opa alles neu sieht

Reinhard Tschapke

Oldenburg - Dies ist das traurigste und komischste Stück der Welt. Es spielt in einer Zeit, in der eigentlich keiner Zeit hat. Also heute. Und es handelt von einem Problem, das alle kennen, aber viele immer noch tabuisieren: Es geht um Demenz.

„Der Mann, der niemals weinte“ heißt im Oldenburger Theater Laboratorium das neue Stück, das jetzt seine Premiere feierte. Gemeint ist Paul, der Opa der Familie. Er ist der Hauptdarsteller – und eine leicht schrumpelige Puppe. Die ist fast so groß wie ein wirklicher Mensch (meisterlich geschaffen von Mechtild Nienaber). Pavel Möller-Lück führt sie mit langem Arm, so unscheinbar, als ginge er mit Paul nur Seite an Seite. So gut macht der Bühnenleiter des kleinen großen Theaters das, leiht dem Opa auch noch die knorrige Stimme, bewegt ihn so natürlich, dass man glaubt, da steckt doch jemand in der Puppe drin. Steckt aber nicht.

Am Küchentisch

Und während Möller-Lück neben der Puppenführung den Sohn Severin spielt, der sich ein paar Tage um den dementen Opa kümmert, mischt die Enkeltochter Marie (Esther Vorwerk) mit ihrer Quirligkeit und ihrem süßen Liebeskummer das Männerduo auf. Möller-Lück schiebt Opa Paul an den Küchentisch. Schon entsteht bei kuscheligem Licht eine spezielle Stimmung. Sicher, Opa brüllt auch mal ziellos rum am Rollator. Opa haut gern ab, weiß alles besser, kennt auch mal keine Namen oder Gesichter. Er vergisst vieles, nur nicht Tilsit, wo er vor 86 Jahren zur Welt kam.

Gemeinsam sortiert man die Vergangenheit, spürt zwischen ältlichem Küchenmobiliar und gelben Haftnotizen („Türen immer abschließen!“) den Ursachen einer lebenslangen Angst nach, die Demenz hier einmal als Zustand der Befreiung erscheinen lässt.

Das Erstaunliche: Es darf herzlich gelacht werden. Dazu tragen auch misslungene böhmische Kirschkuchen, holzdeutsch redende Haushaltshilfen, Staubsaugervertreter oder ein sprechender Bilderrahmen bei.

Am Ende entsteht, was sich alle im Herzen wünschen, aber nur wenige Menschen finden: traute Gemeinsamkeit. Wenn Enkeltochter, Sohn Severin und Opa Paul auf einer Reise eine schöne Leichtigkeit des Lebens erspüren, bekommt Krankheit einen erlösenden Sinn.

Magische Leichtigkeit

Das Stück ist von Barbara Schmitz-Lenders so fein inszeniert, dass es uns nie belehrt, sondern mitfühlen lässt – einzigartig in der Wirkung, fast süchtig machend, wie so häufig in dieser Bühne. Alles lebt durch eine magische Leichtigkeit, die gewiss nur schwer zu erreichen ist und sich auch in reibungslosen Szenenwechseln mit passender Musik zeigt.

Ein zauberhafter Abend. Die etwa 90 pausenlosen Minuten vergehen wie im Flug. Nie will man auf die Uhr schauen. Wann hat man so etwas zuletzt in einem Theater erlebt?

Wir erinnern uns nicht.

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