Delmenhorst - Mit 17 Jahren machte Anton Corbijn, geboren 1954, mit der Kamera seines Vaters erste Aufnahmen von einer Band, die in Strijen gastierte. Bis dahin hatte er eine strenge protestantische Erziehung genossen.
Sein Vater war Pfarrer mit einer Vorliebe für Rembrandt. Für die Moderne und ihre Musik hatte er nichts übrig. Anton Corbijn setzte sich von Zuhause ab, schloss sich Musikgruppen an und hatte Erfolg als Fotograf. Heute öffnen sich ihm fast alle Türen der Unterhaltungsbranche und Kunstszenen.
Schmale Gesichter
Die Städtische Galerie Delmenhorst zeigt aus der Sammlung Günter Beckers (Darmstadt) Porträts von Anton Corbijn, der mit den Stars im Freien, nicht im Atelier oder bei Musikveranstaltungen arbeitet. So braucht er kein Kunstlicht. Natürliche Helligkeit und freier Raum ermöglicht, den Porträtierten größere Unmittelbarkeit abzugewinnen, sie befreien sich von allen Posen.
Auf den ersten Blick scheint es, als seien die Fotografien zufällig entstanden, so locker geben sich die Porträtierten. Dann aber zeigen sich die Komponenten der zumeist schwarzweißen Komposition: Mick Jagger steht vor einem schwarz wirkenden Baum, sein furchenreiches Gesicht hebt sich deutlich vom dunklen Grund ab.
Die Profile von Naomi Campbell und Christy Turlington zeigen parallele Linien, unterscheiden sich aber vor hellem Grund in der Hautfarbe. In einer anderen Campbell-Studie hat Anton Corbijn das schmale en-face-Gesicht auf Nase, Mund und Kinn beschränkt. Die Zunge schnellt heraus. Weckt dies auch Assoziationen, so hat der Fotograf eine andere Parallele gesehen: das schmale Gesicht der Nofretete. Andere Stars werden distanzierter fotografiert: Gérard Depardieu ließ sich 1994 in Cannes fotografieren und hüllte sich dabei fast ganz in Zigarettenqualm.
Frank Sinatra sitzt in Palm Springs hinter Glasscheiben eines Nobelrestaurants und schaut gedankenverloren auf sein Glas. Anton Corbijn wartet jene Momente ab, in denen die Schauspieler und Musiker sich ihres Tuns bewusst werden und zu reflektieren scheinen. Er möchte dem Inneren seines Gegenübers so nahe wie möglich kommen.
Tor in die Tiefe
Das wird dann schwierig, wenn der fotografierte Künstler sein Ich mit dem Star-Status schon ganz eng verbunden hat. Bei Mick Jagger hat Anton Corbijn gewartet, bis dessen Zunge unbewusst hervorschnellt und dem Star-Monument Leben schenkt.
Zu den berühmtesten Bildnissen des niederländischen Foto-Künstlers zählt das von Stephen Hawking mit großer reflektierender Sonnenbrille, die hier weniger als Schutz gegenüber dem äußeren Licht erscheint denn als Tor in die Tiefe einer Gedankenwelt, die sich mit dem Universum befasst.
Dieses Foto hat unsere Vorstellung von dem großen Denker geprägt. Mehr kann ein Fotograf im Grunde gar nicht erreichen.
