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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wenn Worte um die Welt reisen

24.04.2012
NWZonline.de NWZonline 2015-07-24T14:42:32Z 280 158

Pazz-Festival Ii:
Wenn Worte um die Welt reisen

OLDENBURG Edgar Selge betritt die Bühne und kennt den Text nicht. Hat er etwa die Proben geschwänzt?

Nein, denn es gab gar keine. „Ich bin genauso gespannt wie Sie“, ruft er ins Publikum, als er den Umschlag mit der Lose-Blattsammlung öffnet. Ab jetzt ist der ganze Schauspieler gefordert: Selge muss ein ihm unbekanntes Theaterstück inszenieren. Das ist sein Auftrag beim Oldenburger „Performing Arts Festival“ (Pazz) um kurz vor Mitternacht in einem Verwaltungstrakt der Innenstadt.

Die kurzen Erzählungen mit dem Titel „White rabbit, red rabbit“ (Weißes und rotes Kaninchen) stammen aus der Feder des Iraners Nassim Soleimanpour. Der darf sein Land nicht verlassen, weil er den Wehrdienst verweigert hat. Aus der Not machte der 30-jährige Autor eine Tugend, denn das Stück bereist ohne ihn die Welt.

„Ich weiß nicht, wer diese Zeilen für mich liest“, lässt er via Manuskript ausrichten. Es ist Selge, der ihm eine Stimme verleiht. „Ich habe keine Ahnung, was passieren wird“, gesteht der Schauspieler. Im Fernsehen im „Polizeiruf 110“ tappte er als Kommissar Tauber auch oft im Dunkeln. Aber der 64-Jährige, der ist schnell in seinem Element.

Er improvisiert, imitiert und animiert das Publikum ausgezeichnet. „Das ist eine Anweisung“, begründet Selge, als er „Nummer fünf“ aus der ersten Reihe nach vorne bittet. Zuvor hatte er durchzählen lassen (müssen). Die Zuschauer sind schließlich ebenfalls Bestandteil der Geschichten mit Bezug zum Politischen.

Konformität, Gruppenzwang oder das Sündenbock-Prinzip werden in Form von Fabeln thematisiert. Zwischendurch stellt sich der Autor vor: „Iraner zu sein, ist weder schlimm für mich noch bin ich damit zufrieden.“

Vor allem nicht mit der Einschränkung seiner Freiheit. „Daher reisen jetzt meine Worte um die Welt.“ Das einstündige Theaterexperiment beendet nicht Selge, sondern ein Zuschauer, der die letzten Zeilen liest: „Ende – bitte verlassen Sie jetzt den Saal.“

Den können die Zuschauer jedoch nochmals betreten. An diesem Dienstag lässt sich Schauspielerin Anna Thalbach auf das unbekannte Stück ein, am Mittwoch Chris Kondek (auf Englisch) und am Freitag der Schriftsteller John von Düffel. Treffpunkt in Oldenburg ist jeweils um 23 Uhr die „Container-City“ vor der Exerzierhalle.

NWZTV zeigt einen Beitrag unter http://www.NWZonline.de/tv