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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Arbeit im Hexenkessel des Festivals

17.11.2015

Oldenburg Nervös ist Ivan Chertov nicht, als er vor dem breiten, recht flachen Backstein-Gebäude im Reselithweg steht. Warum auch? Was ihn genau da drinnen erwartet, weiß er nicht. Und sich über etwas den langhaarigen Kopf zerbrechen, was sich der Vorstellung entzieht, das macht Ivan nicht. Dazu ruht er zu sehr in sich selbst. Und dazu ist er auch schon zu erfahren. Aber der Reihe nach.

Tags zuvor ist Ivan in Wacken angekommen. Mit dem Auto ist er von Oldenburg in das 1900-Seelen-Dorf in Schleswig-Holstein gefahren. Vorbei an grasenden Kühen, üppigen Weiden und alten Baumbeständen. Eine idyllische Gemeinde im Kreis Steinburg. Zwei Supermärkte, ein Wochenmarkt, eine Kirchengemeinde. Die Wege hier sind kurz.

Der von Ivan hat zehn Minuten gedauert. Zu Fuß ist er von seiner WG, in der er die nächsten drei Monate wohnt, zur Wacken Foundation gegangen. Während Zehntausende Menschen auf einem der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt nur ein paar hundert Meter entfernt feiern, wird Ivan bei der gemeinnützigen Stiftung als Projektassistent arbeiten. Kann man mal machen, dachte sich der 29-Jährige nach seinem Medientechnik-Studium in Emden. Erfahrung hatte er ja schon. Als freiwilliger Mitarbeiter sammelte Ivan 2014 auf dem Rock Hard Festival in Gelsenkirchen Spenden für die Foundation. Und als Sänger der Oldenburger Death-Metal-Band „Craving“, mit der er international schon auf diversen Bühnen stand, ist der Bezug zur Musik mehr als gegeben.

Das macht die Wacken Foundation

2009 wurde die Stiftung gegründet. Sie unterstützt Musiker und Bands aus der Rock- und Metal-Szene mit Krediten für Musikinstrumente, Übungsräume oder Support-Touren. „Wir wollen den Nachwuchs so fördern, dass in 10, 15 Jahren vielleicht neue Metallicas, AC/DCs oder Iron Maidens dieser Erde auferstehen“, sagt Wacken-Mitgründer Holger Hübner. Spenden und Anträge stellen kann man auf der Webseite der Stiftung:

    www.wacken-foundation.com

Jetzt steht er also vor der Foundation-Zentrale in Wacken. Die Tür öffnet sich, eine Hand wird ihm entgegengestreckt und schon geht es los: Im Auto wird erstmal das Dorf abgefahren, erklärt, wo was ist, und wen man hier kennen sollte. In den nächsten Tagen werden sich dem neuen Praktikanten noch viele Hände entgegenstrecken. Die von Thomas Jensen zum Beispiel. Neben Holger Hübner ist er der Gründer des Wacken Open Air, kurz W:O:A, das 1990 zum ersten Mal in der „Kuhle” stattfand. Damals waren es an die 800 Metalheads, die in der Kiesgrube vor den Toren Wackens ihre Musik zelebrierten. Heute sind es an die 80 000, verteilt auf einem etwa 250 Hektar großen Gelände. Viele sind von Anfang an dabei und bringen mittlerweile ihre Kinder oder sogar Enkelkinder mit. Wacken ist für sie mehr als „nur“ das Festival, das jedes Jahr im August das Dorf in das Epizentrum des Heavy Metals verwandelt. Wacken ist eine gewachsene Community, eine Familie, die ab nun ein neues Mitglied hat: Ivan Chertov setzt sich an seinen Schreibtisch und legt los.

Veranstaltungen planen, Newstexte schreiben, Ankündigungen vorbereiten: Im Büro ist Ivan vorwiegend mit Verwaltungssachen beschäftigt. Zwei Wochen lang erarbeitet er einen Projektablaufplan, um die verschiedenen Abteilungen und Funktionen der Mitarbeiter festzuhalten. Das kommt an. Struktur ist bei so einer großen Unternehmung wichtig.

Um neun Uhr morgens beginnt Ivans Arbeitstag. Um 18 Uhr endet er – manchmal. Der Festivaltermin rückt näher und für das Wacken Foundation Camp, das auf dem Gelände gerade aufgebaut wird, ist noch viel zu tun: Ivan bucht Teilnehmerplätze für Veranstaltungen wie das Survival-Cooking, bei dem gezeigt wird, was man alles mit einem Wasserkocher auf einem Festival anstellen kann. „Das geht von Suppen über Rahmspinat bis Ravioli machen.” Währenddessen kümmert sich einer seiner drei Kollegen um die Wacken-Foundation-Festivaltour, auf der auch Ivan schon ausgeholfen hat. Einmal im Jahr zieht die Foundation durchs Land, um Spenden zu sammeln. Dabei klappert sie bis zu zehn Festivals ab, veranstaltet Gewinnspiele und Versteigerungen vor Ort, um Geld für den guten Zweck zu bekommen.

Sehen Sie hier die Multimedia-Reportage: Im Epizentrum des Metals

Priorität hat jetzt aber das eigene Festival. Sieben Tage dauert allein der Bühnenaufbau. 43 Kilometer Bauzaun müssen gestellt, 400 Stände aufgebaut werden. Im Foundation Camp sind es dieses Jahr 16 Standbetreiber, die in zwei großen Zelten untergebracht werden müssen. Eines davon ist das „Art”-Zelt, in dem unter anderem ein „abgefahrener Künstler” aus Slowenien seine fotorealistischen Airbrush-Werke ausstellt, erzählt Ivan und lacht. „Ich glaube, der hat bis zum Schluss nicht so recht verstanden, dass die Wacken Foundation nichts mit Kunst, sondern mit Metal zu tun hat.” Aber was soll’s, es geht ja schließlich um die Spenden und die werden während des Festivals auf ganz unterschiedliche Weise generiert. Mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Initiative Viva con Agua, die Menschen Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen will, sammelt die Wacken Foundation auf dem Festivalgelände zum Beispiel Pfandflaschen und -becher ein. Der Erlös wird 50/50 geteilt. Der TV-Koch Nelson Müller verkauft mit seinem Würstchen-Mobil derweil Bratwurst auf dem W:O:A Auch hier werden die Einnahmen geteilt. Und dann ist da noch eine alte Bekannte, die im Camp Ohrstöpsel anbietet und die Ivan „vor einer gefühlten Ewigkeit“ Skateboards verkauft hat, als sie noch bei dem Oldenburger Musikladen MTS arbeitete. „Verrückt, wen man hier so alles wieder trifft.“

Wacken verbindet. Das merke man auch daran, was Hübner und Jensen ihren Mitarbeitern alles bieten, sagt Ivan. Da wäre zum Beispiel das Catering, das täglich für die rund 5000 Mitarbeiter, die Wacken während der Festivaltage zählt, in einem Zelt bereitsteht. Oder das Fitnessstudio, das die Wacken-Crew kostenfrei nutzen kann. „Hübner und Jensen sind mit Wacken der größte Arbeitgeber der Region“, sagt Ivan. „Dieser Aufgabe sind sie sich sehr bewusst und wollen auch mit der Stiftung ein Stück zurückgeben.“

Eine Band zu managen, da steckt viel Arbeit drin, weiß Ivan. Und viel Geld. CDs müssen produziert, Studiozeiten gebucht und Touren organisiert werden. Das kostet. Die Foundation sei da für viele eine große Unterstützung. Für sie geht die Arbeit nach dem Festival weiter – für Ivan endet sie hier. Die drei Monate voller Eindrücke hat er auch in das neue „Craving“-Album miteinfließen lassen. Nächstes Jahr soll es erscheinen. Und wer weiß, vielleicht steht er mit seiner Band bald nicht nur hinter, sondern auch vor den Kulissen von Wacken.


     nwz.atavist.com/wackenfoundation 
Amina Linke Redakteurin / Online-Redaktion
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