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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

„Bitte mehr Recherche“

05.11.2015

Oldenburg Sie sind die erste Preisträgerin – wie sind Sie denn damals überhaupt dazu gekommen?

Ossowski: Das war eine ganz große Überraschung für mich, ich habe mich wahnsinnig gefreut - aber ja auch gar nicht selbst um den Preis beworben. Das hatte mein Verlag für mich gemacht. Dass mein Buch eine solche Aufmerksamkeit nach sich ziehen sollte, hätte ich nicht gedacht. Ich habe danach ziemlich viele Preise hintereinander bekommen.

Ihr Buch „Die große Flatter“ wird ja noch heute in vielen Schulen gelesen. Wie können Jugendliche sonst noch literarisch erreicht werden?

Ossowski: Die jungen Leute lesen ja nicht mehr. Die haben ihr Smartphone und Fernsehen – und damit sind sie ausgelastet. Sie lesen kaum mehr Bücher, das sehe ich an meiner eigenen Familie. Glauben Sie mal nicht, dass alle meine zwölf Enkel meine Bücher gelesen hätten! Das Lesen ist nicht mehr das, was es früher mal war, ist völlig in den Hintergrund gerückt. Die Menschen haben keine Zeit mehr, furchtbar.

Was war denn Ihr Anspruch damals?

Ossowski: Ich gehörte zu den ganz altmodischen Autoren, die dachten, sie könnten gesellschaftspolitisch etwas mit ihren Büchern bewirken. Ich wollte aufmerksam machen. Auf die asozialen Situationen, in denen die Menschen gelebt haben. Ich wollte erklären, warum Jugendliche kriminell werden.

Wo steht die Literatur heute?

Ossowski: Es gibt nur noch eine kleine elitäre Gruppe, gemessen an der Masse, die zwar auf Literatur Einfluss hat - aber nicht mehr auf die Gesellschaft. Wir leben in jahrzehntelangem Wohlstand, da gibt es keine Themen mehr. Tod, Liebe und Verbrechen - das haben wir. Aber diese Themen sind abgenutzt bis zum Geht-nicht-mehr. Wenn es gesellschaftspolitisch wieder schwieriger wird, wird auch die Literatur wieder nach oben gehen und anspruchsvoller werden. Das darf man zwar nicht hoffen, aber es ist einfach so.

Was lesen oder vielmehr hören Sie da?

Ossowski: Ich beschäftige mich nur noch ganz wenig mit Gegenwartsliteratur. Ich bin bei der Auswahl so verzweifelt, dass ich nun ganz in die Klassik abgerutscht bin. Gerade höre ich Kafka. Es ist so traurig, dass die Literatur einen nicht weiterführt. Nehmen Sie den Bachmann-Preis - dieser hat mich unbeschreiblich gelangweilt. Nehmen Sie die Jury, die vor Eitelkeit kaum mehr auf dem Stuhl sitzen kann. Das ist zum Kotzen, auf Deutsch gesagt.

Was empfehlen Sie denn Nachwuchsautoren – auch für erwachsene Literatur?

Ossowski: Mehr Recherche! Die meisten schreiben doch nur noch über sich selbst. Oder irgendwelche Sexgeschichten. Zum Glück gibt es da aber auch Ausnahmen: „Altes Land“ von Dörte Hansen zum Beispiel. Das ist ein wunderbares Buch, toll aufgebaut, mit einer guten Sprache und tollen Recherchen. Ich bin entzückt davon!

Und warum ist es so wichtig, gerade Kindern Literatur mit auf den Weg zu geben – Phantastisches oder Nüchternes, wie bei Ihnen?

Ossowski: Am besten beides, um ihre Kreativität am Leben zu erhalten. Lesen ist eine stille Sache, da ist man nur mit dem Buch allein – und mit seiner Phantasie. Vor allem fördert es die Neugier. Wenn ein Thema gut aufgebaut ist, dann wird ein Kind neugierig auf bestimmte Dinge, die es weiter verfolgen will.

Funktioniert ein Buch denn genauso gut wie eine App oder ein digitales Buch?

Ossowski: Heute würde ich sagen, es kommt nicht mehr auf das Haptische an. Es ist aber schwierig zu beantworten, wenn sie einer 90-Jährigen diese Frage stellen. Ich bin ja fast blind und kann nur noch Hörbücher hören. Aber ich würde immer ein Buch vorziehen…

Diese letzte Frage muss erlaubt sein: Ihr Geburtsname ist ja Jolanthe von Brandenstein - warum haben Sie diesen durch Ihr einstiges Pseudonym ersetzt und stehen auch im Telefonbuch als Leonie Ossowski?

Ossowski: Ich habe mein erstes Buch 1968 geschrieben - „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ hieß es. Da tauchte der Verleger Klaus Piper auf und sagte, ich solle mir ein Pseudonym ausdenken, weil mein Name nicht zum Buch passte. Und da hatte er ja auch irgendwie Recht. Ich sagte ihm dann, dass ich Babette Allerhand heißen möchte. Da ist ihm fast der Hörer aus der Hand gefallen. Ich wollte dann irgendeinen Bezug zu meinem Pseudonym haben - und die Ossowskis waren vor Jahrhunderten meine polnischen Vorfahren. Dabei blieb es dann. Seit 50 Jahren bin ich also die Leonie Ossowski. Die Leute würden ja völlig irre, wenn ich nun wieder Frau von Brandenstein hieße!

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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