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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Sprache ohne Schnickschnack

19.04.2018

Bremen Mansour Ismaiels Büro ist aufgeräumt. Auf seinem Schreibtisch stehen Bildschirm, Telefon, Maus und Tastatur, ein einziges Buch liegt daneben, mehr nicht. Hier gibt es keinen Schnickschnack – als sei Ismaiels Schreibtisch Sinnbild seiner Tätigkeit. Der promovierte Germanist ist Leiter der Servicestelle Einfache Sprache an der Bremer Volkshochschule. Seine Mission: kompliziertes Amtsdeutsch verständlich zu machen. So wird aus einer „raufutterverzehrenden Großvieheinheit“ etwa wieder eine ganz normale Kuh oder aus einer „Personenvereinzelungsanlage“ eine Drehtür.

„Unser Projekt zeigt die Stellen, die für die Mehrheit der Bevölkerung sprachliche Hürden sind, und das erkennen viele nicht, ohne dass man vorher mit dem Finger darauf gezeigt hat“, sagt Ismaiel. Deswegen bietet er den Mitarbeitern der Bremer Behörden Workshops an, bearbeitet ihre Texte und begleitet Kundengespräche – kostenlos. Das im Juni 2017 begonnene Pilotprojekt finanziert sich durch Gelder von Bund und EU und läuft noch bis Ende des Jahres.

Bemühungen, Behördentexte zu vereinfachen, gibt es schon länger. Oft geht es dabei um Leichte Sprache, die sich vorwiegend an Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistiger Behinderung richtet. Laut Behindertengleichstellungsgesetz müssen Behörden Bescheide auf Verlangen in Leichter Sprache herausgeben. Es gibt auch Bibeltexte und Wahlprogramme in dieser Form.

Feine Unterschiede

„Leichte Sprache folgt einem Regelwerk, das von der Lebenshilfe und vom Netzwerk Leichte Sprache entwickelt wurde“, erklärt Sprachwissenschaftler Andreas Baumert. Der ehemalige Professor der Hochschule Hannover stellt klar: Einfache Sprache sei etwas ganz anderes. „Einfache Sprache heißt nichts anderes als: Schreib vernünftiges, stilistisch gutes Deutsch und lass alle Komplikationen weg.“

Solche Komplikationen kennt auch Ismaiel zur Genüge: Schachtelsätze, Passivkonstruktionen, Wortungetüme. Seiner Ansicht nach erreicht einfache Sprache bis zu 90 Prozent der Bevölkerung. „Die Leichte Sprache erkennt man sofort als Leichte Sprache. Aber bei einer guten einfachen Sprache merkt man nicht, dass es ein anderer Sprachstil ist – trotzdem verstehen die Leserinnen und Leser den Text gleich.“ Das spare den Ämtern Zeit und Geld, argumentiert Ismaiel. Beispielsweise blieben Rückfragen und mehrfache Beratungen aus, wenn die Bürger von Anfang an verstünden, was man von ihnen wolle.

Diese Einsicht aber fehle in vielen Behörden, gibt Michaela Blaha zu bedenken. Sie ist Geschäftsführerin der IDEMA Gesellschaft für verständliche Sprache, einem Unternehmen mit Niederlassungen in Bochum und Nürnberg. IDEMA ging 2007 aus dem Forschungsprojekt „Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache (IDEMA)“ hervor und überträgt für Kommunen und Privatunternehmen Texte in verständliche Sprache – gegen Bezahlung. „Die Kommunen wollen nichts dafür ausgeben“, klagt Blaha. Ohne die Nachfrage von Unternehmen könnte ihre Firma nicht existieren. „Es gibt unheimlich viele Widerstände gegenüber diesem Thema.“ Oft spiele die Angst, etwas juristisch zu verfälschen, eine Rolle. Manchmal fehle den Behördenmitarbeitern aber auch schlicht der Wille.

Große Nachfrage

Ismaiel hat da eine andere Erfahrung gemacht: „Ich kann mich vor Aufträgen nicht retten.“ Es gebe in Bremen kaum ein Amt, das seinen Dienst nicht angefragt habe. Allerdings: Das Angebot der Bremer Servicestelle kostet auch noch nichts. Das könnte sich ändern, wenn das Pilotprojekt endet. Erst einmal möchte Ismaiel es verlängern. Langfristig schwebt ihm vor, dass es „idealerweise“ in jeder Behörde oder zumindest in jedem Bundesland eine Stelle gäbe, die regelmäßig genutzte Amtsschreiben überprüft.

Blaha ist da nicht sehr optimistisch. „Es ist ganz schwierig, flächendeckend und systematisch etwas zu verändern, weil der Wille fehlt, etwas umzustrukturieren.“ Im Unterschied zur Leichten Sprache gebe es für die einfache Sprache keine Lobby, sagt die Unternehmerin. „Ich glaube nicht, dass demnächst alle Behördentexte besser werden.“

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