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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Was der Adler in der Kirche zu suchen hat

15.01.2019

Cloppenburg Die katholische St.-Andreas-Kirche in Cloppenburg steckt voller Überraschungen – und ist zudem eine der ältesten Kirchengründungen im Oldenburger Münsterland. Sogar drei Grabkeller sind noch vorhanden – zwei vor dem Altar und einer auf der Höhe der Seitengänge – doch diese wurden im Jahr 1908 im Rahmen einer Renovierung wieder geschlossen. In den Grabkammern vor dem Altar fanden diverse Pastoren die letzte Ruhe, unter anderem auch der Erbauer der Kirche, Dechant Michael Steding. In der älteren Gruft in der Mitte der Kirche wurden Mitglieder des Grafengeschlechts der Stedinger beigesetzt, aber auch Drosten (Verwalter) der Burg Cloppenburg.

Nähert man sich dem schlichten, verputzten gelb-weißen Bau mit dem Ziegelturm und den hohen schmalen Kirchenfenstern, sind viele Besucher beim ersten Eintreten in die Kirche erstaunt: Vom eher düsteren Eingangsbereich – mit Backsteinen verkleidet und mit einem riesigen Marienbild ausstaffiert – geht es ins große, helle Kirchenschiff aus der Epoche des Spätbarocks. 1929 wurde das Gotteshaus fertig gestellt.

Der Hofbildhauer Johann Heinrich König aus Münster gestaltete den Hochaltar, die zwei Nebenaltäre, die Kommunionbank sowie die Kanzel. Der Taufstein ist aus der Werkstatt Jöllemann und die Kommunionbank ist Gerd Hunderdosse zuzuschreiben.

Neue NWZ-Serie

In dieser Serie stellen wir besondere Kirchen im Oldenburger Land vor. Dabei lassen wir uns von verschiedenen Kirchenführern Einblicke in die jeweiligen Gotteshäuser geben, die über eine normale Erkundung hinausgehen und viele spannende Blickwinkel liefern.

Rita Müller sitzt auf einer der langen Holzbänke im hinteren Bereich der Kirche. Seit rund zehn Jahren ist die 62-Jährige Kirchenführerin. „Der Kirchturm ist erst 60 Jahre später fertig geworden – das Geld ist damals einfach ausgegangen“, sagt sie. Der Haupt- und der Seitenaltar seien 1766 vollendet worden. Überall erstrahlen goldene Farben, die Kirche wirkt pompös. „Der Marmor ist bemaltes Eichenholz“, gibt die Cloppenburgerin ein interessantes Detail preis.

Und sie weiß noch mehr: Die erste urkundliche Erwähnung über diesen Ort und seine Kirche ist aus dem Jahre 855 nach  Christus, erzählt Rita Müller. Damals sei sie noch als einfache Holzkirche ähnlich der Kirche im Museumsdorf erbaut worden. Um 1200 sei dann eine Findlingskirche erbaut worden, von der heute noch der Turmunterbau aus Findlingen erhalten ist. Nach einem weiteren Kirchenbau aus dem Jahre 1425 folgte die heutige St.-Andreas-Kirche, die von 1724 bis 1729 unter der Leitung des damaligen Pastor Michael Steding von dem Architekten Lambert Friedrich von Corfey erbaut wurde.

Mit allen Sinnen

Neben Rita Müller hat Martin Feltes Platz genommen. Der Dozent ist einer der Leiter der ehrenamtlichen Kirchenführer, die von der Evangelischen sowie der Katholischen Erwachsenenbildung Oldenburg ausgebildet werden. Damals, in den Jahren 2006 und 2007, war die Ausbildung noch ein Pilotprojekt. 18 Menschen aus der ganzen Region nahmen daran teil. „Ich war bereits Gästeführerin und bin darüber auf den Kurs aufmerksam geworden – das hat mich interessiert“, sagt Rita Müller. Die Cloppenburgerin entschied sich für die St.-Andreas-Kirche. Und: „Ich wollte etwas mit Kindern machen.“

In ihrer Abschlussarbeit stellte sie eine pädagogische Kirchenerkundung für Schüler vor. Dabei gehe es darum, dass die Räume aktiv und mit allen Sinnen erkundet werden. Zudem dauere diese Kirchenführung auch länger – rund 45 Minuten nimmt sie in Anspruch. Mit normalen Besuchergruppen sei sie hingegen nur etwa 20 Minuten im Gotteshaus. „In der Kirche kann man sehr viel mit Tiersymbolik arbeiten – das passte gut“, erläutert sie.

Speziell für Kinder

Zunächst empfange sie die Kinder vor der Kirche, erklärt Rita Müller. „Wir gehen dann gemeinsam hinein und ich gebe ihnen die Aufgabe, dass sie sich einen Platz suchen, an dem sie sich wohlfühlen.“ Anschließend verteile sie Teelichter und lege mit einem Seil den Umriss der Kirche. „Darin platzieren die Kinder dann ihr Teelicht dort, wo sie gesessen haben.“ Anschließend könnten sie die Kerze zur Fürbitte an den Altar bringen.

Die Kirche wird weiter erkundet. „Ich verteile Bilder mit Tieren“, sagt die Ehrenamtliche. Pelikan, Löwe, Lamm, Hirsch, Hahn, Strauß, Fisch, Taube, Stier und Adler. Die Aufgaben: die Tiere in der Kirche zu finden und im Grundriss zu zeigen. Danach werden die Orte und die Symbolik der Tiere besprochen.

Ein Blick durch die Kirche zeigt: Tiere befinden sich tatsächlich überall. In den Fliesen des „Bremer Flurs“, ein besonderer Steinfußboden, der vor rund 100 Jahren in der Kirche verlegt wurde, befinden sich Löwe, Hirsch oder Strauß. Pelikan und Lamm sind hoch oben in den Fenstern rechts und links des Altars zu entdecken. Am Nordaltar gibt es einen Adler.

Kirchenführer

Die Ausbildung zum Kirchenführer wird von der Evangelischen Erwachsenenbildung Oldenburg (EEB) sowie der Katholischen Erwachsenenbildung Oldenburg veranstaltet. Sie dauert ein Jahr und umfasst vier Wochenenden und sieben Samstage. Der nächste Kurs startet am 29. März 2019. Der Abschluss erfolgt dann am 21. März 2020.

Während der Ausbildung wird das notwendige Wissen und Handwerkszeug für gelungene Kirchführungen vermittelt. Es werden Anregungen geben, Kirchenräume aktiv aufzuschließen und neue Zugänge mit Kopf, Herz und Hand zu eröffnen.

Ein Infotermin für Interessierte findet am Mittwoch, 6. Februar, um 19 Uhr bei der Katholischen Erwachsenenbildung, Peterstraße 6, in Oldenburg statt.

Weitere Ansprechpartner sind Barbara Heinzerling und Stefanie Vollbrecht von der EEB Oldenburg (Telefon  0441/92562-0 oder E-Mail: EEB.Oldenburg@evlka.de) oder Olaf Kordecki von der KEB Oldenburg (Telefon  0441/3507157-1 oder E-Mail: info@keb-ol.de)

„Der Fisch ist das älteste Symbol der Christenheit und steht für ,im Wasser getauft‘“, erklärt Rita Müller. Die Taube indes sei ein Symbol für den heiligen Geist und den Frieden. Der Löwe werde oft in Verbindung mit dem Evangelisten Markus gesehen und stehe als „König der Tiere“ auch für Gott.

Die Fabel „Der Rabe und der Fuchs“, die allgemein als Warnung vor Schmeichlern verstanden wird, steht auf dem Programm. Rita Müller bringt sie in Zusammenhang mit den Zehn Geboten. Und fragt, ob es mehr Fragen zum Gotteshaus gibt. „Viele Kinder erkundigen sich nach den Gruften“, sagt sie und lächelt.

Was macht die Kirche St. Andreas aus? „Allein die Geschichte ist besonders“, sagt sie. „Es gibt viel zu erzählen.“ Die Kirche sei sehr viel mehr als nur Zahlen und Fakten. Die Kanzel sei zum Beispiel im Rokoko-Stil und somit viel kleinteiliger gearbeitet. Auch hier sind wieder Tiere dargestellt.

Kirche inszeniert sich

„Über die Bildersprache wurden früher Glaubensinhalte vermittelt“, sagt Martin Feltes. Dieser Schatz sei mittlerweile verloren gegangen, da die Menschen die Symbole nicht mehr kennen würden. Auch der historische Hintergrund sei wichtig. „Im Barock herrschte der 30-jährige Krieg – Europa lag in Schutt und Asche. Warum also dieser Prunk?“, fragt Martin Feltes. „Die Kirche wollte eine ,Anderswelt‘ inszenieren und sich bewusst absetzten.“ Heute gehe das ins Gegenteil, die Kirchen aus den 1960er und 1970er Jahren seien meist nüchterner und weniger prunkvoll. „Kirchen sind auch Sehnsuchtsorte – sie versprühen eine besondere Aura.“

Rita Müller weist auf das große Bild in der Mitte des Hochaltars. Es zeigt den Heiligen Andreas, den Schutzpatron der Kirche. „Er trägt einen blauen Mantel, der oft auch bei Maria zu sehen ist, und der Treue symbolisiert.“

Über die Jahrhunderte seien verschiedene Epochen in die Kirche gebracht worden: „Trotzdem ist das Gesamtbild stimmig“, meint Rita Müller. „Viele Touristen sind verwundert, dass es hier im hohen Norden eine solch prächtige Kirche gibt“, fügt Martin Feltes hinzu – „viele vermuten solche Kirchen eher im Süddeutschen Raum.“

Am Ausgang hat Rita Müller noch ein paar interessante Zahlen parat: 1543 führte Bischof Franz von Münster und Osnabrück das evangelische Bekenntnis ein. Erst 1613 machte Ferdinand von Bayern alles rückgängig. „Der Wechsel kam durch die zwei Bischöfe im Oldenburger Münsterland zustande“, sagt Rita Müller. „Franz von Waldeck bestimmte die Reformation und Ferdinand von Bayern die Gegenreformation.“

60 evangelisch Priester mussten damals ihre Arbeit als Seelsorger einstellen und das Niederstift Münster verlassen. „Nachdem sie entlassen wurden, kamen Jesuiten zum Einsatz. Sie haben die Gegenreformation mit vorangetrieben“, erzählt Rita Müller. Die Kirche war also 70 Jahre lang evangelisch – eine weitere Überraschung.

Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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