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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Ich glaub’, ich steh’ im Supermarkt

22.07.2018

Cuxhaven Man kommt sich vor wie in einer Staubwüste. Die Sonne brennt von Himmel, überall um mich herum stehen tausende braun gebrannte Menschen, die durch den allgegenwärtigen Staub noch dunkler wirken. Wummernde Bässe, reißende Gitarrenriffs und hämmernde Beats sind omnipräsent. Wenn man möchte, kann man sich von der fließenden Menge einfach mitreißen lassen und in die freudig-freie Stimmung eintauchen wie in ein kühles Schwimmbecken. Apropos – eine Abkühlung wäre jetzt wirklich großartig.

Ich bin auf dem Deichbrand-Festival. Einem musikalischen Großereignis mit mehr als hundert Bands, Zehntausenden Besuchern und unzähligen Angestellten. Ein Riesenrad und ein überdimensionaler Hirsch bestimmen neben den zwei großen Bühnen das einprägsame Bild, welches sich den Musikfans bietet. Ein Festival wird mit allen Sinnen genossen. Nicht nur die musikalischen Gelüste werden befriedigt, auch die kulinarischen Bedürfnisse der Besucher dürfen nicht zu kurz kommen.

Clueso geht mit „Chicago“ direkt unter die Haut

Ein köstlicher Geruch steigt mir in die Nase. Beim Essen hat man hier die Qual der Wahl. Von Eis und Crêpes über Pizza und Döner ist (fast) alles zu bekommen, um den Appetit zu stillen. Gesättigt wende ich mich wieder dem Treiben auf den Bühnen zu. Eindruck und Spuren hat am Freitagabend vor allem Casper hinterlassen. Fast zwei Stunden Vollgas-Show, bei der gefühlt jeder Festivalbesucher dabei gewesen ist. The Hives waren auch großartig, konnten die Musikfans aber nicht so mitreißen wie der Deutschrapper. Der Sänger Clueso spricht dagegen eher den emotionalen Teil an. Sein Song „Chicago“, der von einem drogenabhängigen Mädchen handelt, geht auch beim hundertsten Mal hören noch unter die Haut.

Während der Auftritte wirbelt die springende und tanzende Meute kiloweise Staub auf. Aus der Ferne sieht es aus, als ob sich eine Windhose aus Erde und Dreck vor der Bühne auftürmen würde. Auch das Abendprogramm am Samstag verspricht Großes. Auf der Water und Fire Stage reichen sich nacheinander Mando Diao, Freundeskreis, The Killers und Bilderbuch die Mikrofone weiter. Am Sonntag wird’s mit Milky Chance und Bosse wieder feinfühlig, bis die Altpunker von Die Toten Hosen den (hoffentlich) krönenden Abschluss des Festivals bieten.

Volleyball, Freiheit – und günstig einkaufen

Auf meinem Weg über das Gelände kann ich ein buntes Treiben beobachten. Man merkt, dass sich die Veranstalter Gedanken machen und aus einem 14-jährigen Erfahrungsschatz zehren können. Mehrere Volleyballfelder, eine eigene Flunkyball-Arena und viele andere Plätze bieten Raum für Aktivitäten neben der Musik. Für einige ist sogar das Campen selbst das eigentliche Highlight. In großen Sitzgruppen wird in teils großzügig eingerichteten Lagern mit Zelten, Pavillons und Campingstühlen die Freiheit besungen und betrunken.

Doch was ist das? Plötzlich stehe ich vor einem riesigen Zeltbau. Draußen drängen sich die Leute in einer langen Schlange, die sich vor dem Eingang aufgereiht hat. Schnell zeigt sich, dass hier kein weiteres musikalisches Highlight auf mich wartet. Nein, es handelt sich um einen wohlbekannten Supermarkt – einem riesigen noch dazu. Gut, denke ich mir, dann decke ich mich doch selbst einmal ein. Kann ja nicht schaden.

Fremdkörper oder Oase der Bequemlichkeit? Die Aldi-Filiale beim Deichbrand-Festival. Foto: Arne Jürgens

Etwa 15 Minuten stehe ich mit den anderen Wartenden vor der Filiale von Aldi Nord, die inmitten der Zelt- und Bühnenlandschaft ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt. Drinnen erwartet mich dann ein seltsam bekanntes Bild. Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzen sich die Besucher auf die angebotenen Waren, die speziell auf das Festival abgerichtet sind: Es gibt Grillsachen, Lebensmittel, Bier und Campingausrüstung. Ein wenig reißt einen diese Bastion der Normalität, des Gewöhnlichen aus dem speziellen Gefühl, das sich beim Deichbrand im Körper breitmacht.

Sonst ist es auf Festivals üblich, mit Sackkarren, Schubladen oder den eigenen Händen kiloweise Lebensmittel und Getränke mit auf den Campingplatz zu schleppen. Ich erinnere mich an die teils kilometerlangen Wege, die wir vollgepackt zurückgelegt haben, um uns und unsere Verpflegung an den richtigen Platz zu bringen. Ein anstrengender Akt, den wir uns damals wohl gerne erspart hätten.

Aldi als sinnvolle Ergänzung?

Man meint es heute eben besser mit den Deichbrand-Besuchern. Inmitten der piependen Kassen erzählt mir Aldi-Sprecher Manuel Sentker etwas über den Markt: „Wir wollen die Festivalbesucher unterstützen, indem wir alles bereitstellen und sie sich aufs Feiern konzentrieren können. Vor allem nehmen wir ihnen das Schleppen ab.“ Mit einer Einkaufstüte, in die ich die eingekauften Kleinigkeiten gepackt habe, gehe ich wieder heraus. Schleppen muss ich die jetzt trotzdem, denke ich mit einem Grinsen.

Draußen treffe ich Celly, Flo und Jens aus Bremen. Die drei sind sich einig, dass der Discounter eine sinnvolle Ergänzung beim Deichbrand ist. Entsprechend großzügig haben sie sich mit ihren Einkäufen beladen. „Vor allem das kalte Bier ist ein Segen“, meint Celly. Jens fügt hinzu: „Am besten ist, dass die Preise nicht erhöht wurden, sondern genauso sind wie zu Hause. Allerdings könne es mehr Eingänge geben, um zu den Stoßzeiten den Andrang zu bewältigen, überlegt Flo.

„Stop – so darfst du hier nicht rein“

Doch komme ich mit meinen eingekauften Waren auch aufs Gelände, oder muss ich doch bei der Kontrolle am Eingang alles wieder abgeben? „Stop – so darfst du hier nicht rein“, meint einer der Ordner direkt, als ich mit meiner Einkaufstüte auf ihn zugehe. Also muss ich alles auf dem Zeltplatz verzehren und auf dem Infield wieder auf die teureren Angebote zurückgreifen.

Allerdings stellt sich mir die Frage, ob mit der Rundum-Versorgung durch Supermarkt & Co. nicht ein wenig der Geist eines freien und wilden Festivals verloren geht. Ein kleiner Gaskocher, auf dem die Dosenravioli nur behelfsmäßig warm gemacht werden, und die Paletten voller Dosenbier, die wir mit eigener Muskelkraft zum Zeltplatz gekarrt haben, bringen doch ihre ganz eigene Festivalromantik mit. Das sterile Markttreiben passt einfach nicht so ganz zu den teils abenteuerlichen Erlebnissen der Jugend, die einen ganz eigenen Reiz und Spannung besessen haben. Praktisch ist es trotzdem.

Arne Jürgens
Volontär, 1. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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