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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Aufregung um Brief und Briefmarke

04.01.2020

Dangast /Varel /Oldenburg Der „Wasserturm in Bremen“ ist der Titel eines Gemäldes des Dangaster Malers Franz Radziwill (1895 - 1983). Die Deutsche Post wollte den Maler zu dessen 100. Geburtstag (am 6. Februar 1995) mit einer Briefmarke ehren. Der „Wasserturm“ sollte das Motiv für die Eine-DM-Briefmarke werden, damals der Standardwert für Briefsendungen. Doch vor genau 25 Jahren, im Dezember 1994, führten das Gemälde und das Vorhaben der Post zu einem erbittert geführten Streit. Anlass waren der Ort und der Termin um die offizielle Vorstellung der Radziwill-Briefmarke. Die Post hatte angeboten, die Briefmarke im Rathaus der Stadt Varel vorzustellen, die Stadt, die Radziwill einige Jahre zuvor zu ihrem Ehrenbürger gemacht hatte.

In Oldenburg vorgestellt

Doch daraus wurde nichts. Keiner der drei ehrenamtlichen Bürgermeister der Stadt Varel, Karl-Heinz Funke (damals SPD), Erwin Hilbrink und Walter Heidenreich (ebenfalls SPD), sahen sich in der Lage, an der Feier teilzunehmen. Der damalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke verwies auf eine Veranstaltung zum geplanten Briefmarken-Termin, für die er zugesagt habe. Erwin Hilbrink, der langjährige Betriebsratsvorsitzende des Vareler Airbus-Werks, sagte ebenfalls aus Termingründen ab. Und Walter Heidenreich erinnerte an Radziwills Nazi-Vergangenheit und sagte kategorisch ab. So hatte die Stadt, in der die Sozialdemokraten mit komfortabler Mehrheit regierten, zwar drei ehrenamtliche Bürgermeister, aber keinen Repräsentanten, der Zeit hatte, an der Veranstaltung teilzunehmen. Eine Terminverschiebung um eine Woche, wie Funke es vorgeschlagen hatte, kam freilich auch nicht zustande. Die Radziwill-Gesellschaft und auch die Deutsche Post wollten nicht.

So fand die Vorstellung der Briefmarke im Oldenburger Schloss statt – in Anwesenheit etlicher Vareler, darunter der Stadtdirektor August Osterloh (damals galt eine Trennung zwischen dem ehrenamtlichen Bürgermeisteramt und dem Chef der Verwaltung). Auch Kunsthallen-Gründer Henri Nannen war mit seiner Ehefrau Eske aus Emden nach Oldenburg gekommen.

Der „Wasserturm“ war übrigens nicht das einzige Gemälde, mit dem Dangast an jenem 11. Januar 1995 geehrt wurde. Ein weiteres Gemälde des expressionistischen Malers Karl Schmidt-Rottluff (1884 bis 1976) „Gutshof in Dangast“ (1910 entstanden) zierte die Drei-DM-Briefmarke. Der „Gutshof“ ist noch heute vielen Dangast-Besuchern bekannt, es handelt sich um das alte Kurhaus, in dem Schmidt-Rottluff und sein Maler-Kollege Erich Heckel zu Beginn des vorvergangenen Jahrhunderts logierten und speisten.

Die dritte Briefmarke, die am 11. Januar 1995 vorgestellt wurde, war ein Zwei-DM-Wert und zeigte ein Gemälde von Georg Schrimpf.

Im Oldenburger Schloss war nicht nur das „Wasserturm“-Gemälde zu sehen (das Gemälde war in Privatbesitz und zählt nebenbei bemerkt zu den besten Bildern Radziwills). Zu sehen waren auch die Gemälde „Spätnachmittag“ (1907) und „Elgernder Mann“ (1910) von Erich Heckel (1907), „Mittag im Moor“ (1908) und „Dangaster Allee“ (1910) von Karl Schmidt-Rottluff sowie ein Stillleben der aus Vechta stammenden Malerin Emma Ritter (1878 bis 1972). Ritter war wie Schmidt-Rottluff und Heckel Mitglied der Künstlergruppe „Die Brücke“ gewesen.

So hatte die Vorstellung der Radziwill-Briefmarke einen würdigen Rahmen und bot neben kunstgeschichtlichen Informationen auch höchsten Kunstgenuss. Die Kritik an der Abwesenheit der Bürgermeister nutzte der gerade ins Amt gekommene Regierungspräsident und vormalige Landrat des Kreises Friesland Bernd Theilen (ebenfalls SPD; sein Amtsvorgänger Dr. Eckart Bode war im Sommer 1994 bei einem Autounfall ums Leben gekommen) zu einem versöhnlichen Gesprächsangebot, die kritisierbare Haltung Radziwills zum Nationalsozialismus dürfe nicht dazu führen, seine künstlerische Bedeutung zu verkennen.

Theilen hatte mit Radziwills Nazi-Vergangenheit den wunden Punkt angesprochen. Rückblende: Radziwill tritt am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 1850903). Er wird im gleichen Jahr Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, in der zuvor Künstler wie Paul Klee vertrieben worden waren. Zwei Jahre später muss Radziwill seinen Lehrstuhl in Düsseldorf räumen. Studenten haben 1934 auf dem Dachboden der Kunstschule Hamburg Radziwills expressionistisches Frühwerk entdeckt und ätzen gegen den Maler. Dann beschlagnahmt die Gestapo Bilder aus einem jüdischen Auktionshaus, darunter eines von Radziwill, das als „kulturbolschewistisch“ bezeichnet wird. Der Maler gerät immer stärker unter Druck. Es folgt 1935 seine Entlassung in Düsseldorf. Radziwill versucht seine Rehabilitierung, distanziert sich von seinem Frühwerk. Mit dem Oldenburger Gauleiter Carl Röver hat er einen Fürsprecher. 1937 wird ein schwieriges Jahr für Radziwill. Eine Ausstellung in der Hamburger Galerie Gurlitt wird positiv aufgenommen, wieder kommt es zu Protesten von Studenten. Die Luftwaffe kauft ein Gemälde Radziwills. Eine für 1938 geplante Ausstellung in Königsberg wird abgesagt. Und das Radziwill-Bild „Die Straße“ wird in Königsberg beschlagnahmt. Trotzdem kommt eine Einzelausstellung in Köln und Wuppertal zustande. Im Sommer 1937 wird Radziwill „Hauptstellenleiter“ der NSDAP in Varel.

Im Jahr 1937 schreibt Radziwill auch jenen Brief, der im Vorfeld der Briefmarken-Vorstellung 1995 eine Rolle spielt. Radziwill beschwert sich in dem handschriftlichen Schreiben über zwei namentlich genannte Männer, die im Mai-Umzug ausgeschert waren und, statt zu marschieren, eine Gastwirtschaft aufgesucht hatten. Das Schreiben kommt offenbar bei der Parteileitung in Oldenburg nicht an, oder es wird zurückgehalten. Den beiden Männern geschieht jedenfalls nichts. Das Schreiben wird aber aufgehoben, es findet sich im Nachlass des damaligen Dangaster Bürgermeisters Wilhelm Hillen. Es kursiert in Varel und wird in der Nachkriegszeit genutzt, um Radziwills Verstrickung zu zeigen. Karl-Heinz Funke ist überzeugt, dass Wilhelm Hillen den Brief zurückgehalten hat, um Schaden von den beiden Männern und Radziwill fernzuhalten.

Verfolgter der Nazis

Radziwill selbst überlebt den 2. Weltkrieg und sieht sich als Verfolgten. Tatsächlich prozessiert er (erfolglos) bis in die 50er Jahre, um als Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt zu werden. Das alles spielt auch in die Diskussion um die Anwesenheit bei einer Briefmarken-Vorstellung hinein. Zumindest kann es unterstellt werden, dass das bei (dem mittlerweile verstorbenen) Walter Heidenreich der Fall gewesen war. Heidenreichs Vater war als Sozialdemokrat eines der ersten Opfer der Nazi-Willkür geworden. 1933 und dann noch einmal 1944 wurde Adolf Heidenreich in ein Konzentrationslager gesteckt. Er überlebte die Lagerhaft und wurde der erste demokratisch gewählte Bürgermeister der Nachkriegszeit. Walter Heidenreich hatte die Verhaftung seines Vaters 1944 selbst miterlebt. Und dann ist da noch die Verleihung der Ehrenbürgerwürde. Die damalige CDU-FDP-Mehrheit (von 1976 bis 1981 hatten beide eine Ein-Stimmen-Mehrheit im Vareler Rat) beschloss, Radziwill die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Die Sozialdemokraten waren dagegen, CDU und FDP setzten sich mit einer Stimme Mehrheit durch. Radziwill nahm die Ehrung an, obwohl fast die Hälfte der Ratsmitglieder die Ehrung verweigerte. Seine Tochter Konstanze hat einen wunderbar einfühlsamen Film über ihren Vater gedreht, der den Titel „Konsequent inkonsequent“ trägt. Der Titel fasst die Künstlerbiografie und die kleine Volte mit der Briefmarke und dem ominösen Brief trefflich zusammen.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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