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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Pflegekräfte-Mangel: Das fast normale Leben der Ute S.

06.06.2014

Oldenburg /Bremen Sie weiß nicht, wie sich das anfühlt: gesund zu sein. Sie war ja schon krank, als sie auf die Welt kam, „progressive Muskeldystrophie“ lautete die Diagnose, landläufig Muskelschwund genannt. Mit drei Jahren lernte sie noch laufen, „eher schlecht“, wie sie sagt, dann wurde sie älter und immer kranker. Mit 18 brauchte sie einen Rollstuhl, mit 35 ein Beatmungsgerät.

Und jetzt, mit 42, müsste sie eigentlich längst im Heim leben. Rund um sie herum säßen alte Leute, und jüngere Leute in Weiß würden ihr vorschreiben, was sie wann zu essen habe.

In Utes Reich

„Wir können draußen frühstücken!“, ruft Ute Schwenker fröhlich. Sie hat die Sonne durchs Schlafzimmerfenster gesehen, es ist neun Uhr: Zeit zum Aufstehen für Ute, Dienstbeginn für Gesa und Christine. Die drei duzen sich, sie kennen sich schon lange.

Gesa Fister, 28 Jahre alt, klemmt das Beatmungsgerät ab. Christine Porath, 31 Jahre alt, schiebt den Birdie 170 ans Bett. Brummend balanciert der Lifter Ute Schwenker in den Elektrorollstuhl. Sie fährt ins Badezimmer; Christine wäscht, Gesa saugt ab; der Schleim muss aus der Lunge, damit Ute wieder atmen kann.

Das ist hier das Reich der Ute Schwenker, eine kleine Wohnung im Bremer Südwesten. Im Schlafzimmer hängen ihre Bilder, Fotos und Autogrammkarten von den Chippendales. Im Regal stehen ihre CDs, Rockmusik von Bon Jovi und Metallica. Und draußen, auf ihrer Terrasse, wartet ihr Frühstück, es ist gleich 10: ein Ei, Paprika, Tee.

Das Telefon klingelt, das Sanitätshaus ist dran, es geht um den Deckenlifter im Badezimmer. „Jaja“, sagt Ute Schwenker in den Hörer, „der Motor ächzt. Aber er läuft!“ Sie lächelt: „Behindert bin ich nur, wenn meine Hilfen nicht funktionieren.“ 

Die wichtigste Hilfe ist vorne im Gästezimmer untergebracht: Ute Schwenkers Intensivpflegedienst, heute heißt er: Gesa. Rund um die Uhr ist jemand bei ihr; auf dem Gästezimmertisch liegt die blaue Dokumentationsmappe, „Herz & Hand“ steht auf dem Umschlag.

In Oldenburg-Osternburg hängt in einem Altbau ein Zettel im Fenster: „Wir bieten Arbeitsplätze für examinierte Pflegekräfte“. Hinter dem Fenster sitzt Bernd von Ohlen, 53 Jahre alt, Gründer des ambulanten Intensivpflegedienstes „Herz & Hand“, er sagt: „Wir könnten auf Schlag zehn Mitarbeiter einstellen.“ Er findet nicht mal einen, und deshalb muss von Ohlen immer wieder Patienten vertrösten: Es tut mir leid, wir können Sie derzeit nicht betreuen.

Die Patienten kommen aus ganz Nordwestdeutschland, es sind Menschen wie Ute Schwenker. Für sie bedeutet eine Absage womöglich: ab ins Heim.

Auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums gibt es ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Pflegekräftemangel“. Das Problem ist politikbekannt, es ist der demografische Wandel: Weil die Deutschen immer älter werden, steigt die Zahl der Pflegebedürftigen. Heute sind es rund 2,54 Millionen Menschen, 2030 werden es 3,22 Millionen sein, 2050 4,23 Millionen. Weil gleichzeitig immer weniger Kinder geboren werden, sinkt die Zahl der jungen Menschen, die die alten pflegen könnten. Fachleute schätzen, dass in den kommenden fünf Jahren 220 000 zusätzliche Kräfte benötigt werden.

Hart trifft der Mangel bereits die ambulanten Intensivpflegedienste. Das hat vor allem mit den strengen Auflagen zu tun: Dienste wie „Herz & Hand“, die Beatmungspatienten betreuen, dürfen nur examinierte Kranken- oder Altenpfleger beschäftigen, keine Pflegehelfer.

Es hat aber auch mit dem Image der Intensivpflege zu tun, trotz zum Teil übertariflicher Bezahlung: Die Pflegekräfte schieben Zwölf-Stunden-Schichten, sie haben Nacht- und Wochenenddienste, sie tragen eine hohe Verantwortung – und sie müssen eine große Nähe aufbauen zu ihren Patienten.

Es stimmt schon, sagt Gesa Fister in Bremen, „man gibt sehr viel von sich preis“. Sie hat schon wieder die Einmalhandschuhe übergestreift, vorsichtig schiebt sie den Absaugschlauch in die Trachealkanüle und weiter in die Lunge von Ute Schwenker, sie sitzt wieder voller Schleim. „Aber mit Ute macht es viel Spaß: Sie ist kommunikativ, fröhlich, voller Lebensmut.“

Natürlich sind nicht alle Intensivpflegepatienten wie Ute. Es gibt Wachkomapatienten, die einen Sportunfall hatten; es gibt Säuglinge, die nach Geburtskomplikationen schwerbehindert sind; es gibt demente Greise, die einen Schlaganfall hatten. Bei ihnen muss der Pfleger vor allem die Beatmung überwachen. Und notfalls Leben retten, wenn das Herz stehen bleibt.

Wachsender Markt

Aber eben nicht nur. Im Büro bei „Herz & Hand“ sitzt Mareike Petersen aus Wilhelmshaven, 27 Jahre alt, die stellvertretende Pflegedienstleitung, neben ihr liegt das Telefon, es könnte ja ein neuer Mitarbeiter anrufen. Sie sagt: „Ich bin damals bewusst in die Intensivpflege gegangen, weil ich Zeit für den Patienten haben wollte.“ Wird nicht überall die Pflege im Minutentakt beklagt? Hier ist sie, die Zeit: zwölf Stunden für einen Patienten!

Und manchmal ist man bei der Arbeit sogar zu zweit, wie bei Ute Schwenker: Die Grundpflege zwischen 9 und 11.30 Uhr übernimmt Christine Porath von der Assistenzgenossenschaft, bezahlt von der Pflegeversicherung nach Sozialgesetzbuch XI. Die 24-Stunden-Betreuung hingegen rechnet „Herz & Hand“ mit der Krankenkasse ab, nach Sozialgesetzbuch V.

Kompliziert? Was soll da erst Ute Schwenker sagen: Einem Pflegedienst musste sie kündigen, weil die Pfleger nicht mit ihr ins Café gingen; aus versicherungstechnischen Gründen hatte man ihnen untersagt, Schwenkers Rollstuhl Treppen und Stufen hinaufziehen. Ein anderer Pflegedienst weigerte sich, mir Ute Schwenker Auto fahren; das Personal durfte nicht durch Fahrtätigkeit vom Überwachungsauftrag abgelenkt werden. Erst mit „Herz & Hand“ konnte sie sich einigen, „notfalls unterschreibe ich mal etwas“, sagt sie. Der Bedarf an ambulanter Intensivpflege wächst, manches muss sich erst noch finden.

Teilhaben am Leben

„Die Chemie muss einfach stimmen“, glaubt Mareike Petersen im „Herz & Hand“-Büro. Fünf Pflegekräfte muss sie für jeden Patienten vorhalten, um die 24-Stunden-Pflege sicherzustellen. Manchmal muss sie jemanden austauschen, „dann passte es einfach nicht“.

Als Ute Schwenker zu „Herz & Hand“ wechselte, brachte sie Gesa mit: Gesa passte zu ihr, Gesas vorheriger Arbeitgeber passte nicht.

Gesa packt die erste Tasche: das mobile Absaugegerät, Schläuche, Wasser zum Durchspülen, Handschuhe. Sie packt die zweite Tasche: das Ladegerät. Sie packt die dritte Tasche: das Beatmungsgerät, Kabel, Filter, Ansatzstück. Die vierte Tasche: ein externer Akku. Die fünfte Tasche: Geld, Ausweise, Frauensachen. Fünf Taschen hängen schwer am Elektrorollstuhl.

Die Ärzte haben einst zu Ute Schwenker gesagt, sie werde wohl keine 30 Jahre alt werden. Sie hat sich nicht daran gehalten. Ihr Muskeln aber schwinden weiter, deshalb sagt sie: „Für mich gibt es nur das Hier und Jetzt.“ Und jetzt will sie los, mit der Straßenbahn in die Stadt, einen Kaffee trinken, ein bisschen shoppen, „was Frauen eben so machen“. Sie lacht. Hin und wieder wird sie sich in eine stille Ecke setzen und Gesa den Schleim absaugen lassen, vielleicht braucht sie auch eine kurze Auszeit am Beatmungsgerät. „Bist Du so weit, Gesa? Können wir los?“

Ute Schwenker hat nie erfahren, wie sich Gesundheit anfühlt. Aber sie weiß, wie sich Leben anfühlt, Selbstbestimmung, Teilhabe. Der Fachbegriff dafür lautet: Inklusion.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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