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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Dem Küster liegt die Stadt zu Füßen

08.12.2016

Varel 125 Stufen muss Dietmar Immel alle 14 Tage einmal erklimmen. Über eine Außentreppe erreicht der Küster der Evangelisch-lutherischen Schlosskirche in Varel die Turmloge, von dort geht es in den Wehrgang des Nordturmes der einstigen Burg- und Wehrkirchenanlage, von dort in den Südturm mit den drei Glocken, von dort zwischen dicken Balken und schmalen Durchbrüchen hinauf in die nächste Ebene, in der drei zentnerschwere Gewichte hängen: eines für das Uhrwerk, je eines für den Viertelstunden- und den Stundenschlag.

Noch ein paar Stufen höher befindet sich das Herzstück des Zeitmessers: das Räderwerk in der sogenannten „Uhrenstube“, die nicht einmal bei den beiden jährlichen Turmführungen zugänglich ist, sondern nur von außen durch Fenster beobachtet werden kann.

Und Dietmar Immel kennt sich aus mit Pendel, Anker und Hemmung, mit dem Graham-Antrieb, dem Wendegetriebe, das die Zeiger auf allen vier Zifferblätter der historischen Uhr bewegt. Zwischen 1905 und 1925 – vermutlich im Jahr 1910 – wurde die Uhr installiert, die damit seit gut 100 Jahren Tag und Nacht reibungslos ihren Dienst versieht und den Bürgern der Stadt zeigt, was die Stunde geschlagen hat.

Nur Anfang der 1990er Jahre, als die Schlosskirche saniert wurde, und 2009 bei der Generalüberholung standen die Zeiger während der Bauzeit auf 12 Uhr. Vor sieben Jahren war die Uhr dafür in ihre 487 Einzelteile zerlegt worden. Einige Stunden im Jahr ruht die Uhr aber auch stets regelmäßig: bei der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit.

Am Abend vor dem Wechsel wird sie um 19 Uhr angehalten, am nächsten Morgen um 7 Uhr „neuer“ Zeit wieder in Schwung gebracht. Umgekehrt wird die Uhr für eine Stunde angehalten: „Zurückdrehen geht nicht, dafür ist das Uhrwerk zu empfindlich,“ weiß Immel, der vor der Technik auch den gebührenden Respekt hat. Zeichnen sich doch einmal Schäden ab, wird die Firma Korfhage in Melle informiert, die die Uhr einst gebaut hat und nun auch jährlich einmal wartet.

Kleinere Einstellungen nimmt Küster Dietmar Immel aber selbst vor. Etwa eine Minute in der Woche beträgt die Differenz zur tatsächlichen Zeit. Im Sommer läuft die Uhr ein wenig schneller, im Winter ein bisschen langsamer. Geht die Turmuhr vor, wird sie kurz angehalten, geht sie nach, wird minutenweise vorgeschaltet.

Bei den Kontrollgängen begutachtet der Küster auch die Glocken in der offenen „Laterne“ über dem Uhrwerk und die Ketten, die die Gewichte halten. Für Sicherheit ist gesorgt: Unter den Metallzylindern zwischen Süd- und Nordturm befindet sich eine Art Sandkasten. Von Hand aufziehen muss Dietmar Immel die Uhr übrigens nicht, das erledigen seit 1987 Elektromotoren.

Die Kurbel, mit der einst die Turmuhr aufgezogen wurde, gibt es aber noch. Das museale Relikt aus kräftezehrender Vergangenheit hängt nach wie vor in der Uhrenstube. Nach unten führen die Seile der Gewichte, nach oben ziehen sich Drähte, die die beiden Glocken anschlagen – alle 15 Minuten schlägt die eine an, alle 60 Minuten erklingt die zweite Glocke mit den jeweiligen Stundenschlägen.

Nicht mit der Uhr verbunden sind übrigens die fünf Glocken der Vareler Schlosskirche, die auf zwei Glockenstuben verteilt sind – die älteste stammt aus dem Jahr 1643, die jüngsten sind 1959 neu gegossen worden. Eine Zeitschaltuhr sorgt für das Einläuten des Tages, das Mittagsgeläut und den Ausklang des Tages; für das Läuten zu den Gottesdiensten werden die Glocken per Knopfdruck in Schwung gebracht.

Wenn der Küster seinen Kontrollgang beendet hat und noch ein wenig Zeit bleibt, gönnt er sich den Blick durch die Dachfenster des Turmes: Dann liegt ihm die Stadt Varel „zu Füßen“ – mit Fernsicht weit über den Jadebusen.

Fünf Türen liegen auf dem Weg zur Uhrenstube. Und mit Türen hat es die Küsterfamilie nicht nur in der Adventszeit zu tun. Dietmar Immel trägt die Schlüssel für mehr als 50 Türen in der Kirche, im benachbarten Gemeindehaus und im nahen Haus der Diakonie und der Jugend.

Der Küster war ursprünglich im Bauwesen tätig, bevor er in seiner früheren Heimat im Raum Siegen das Amt des Küsters in einer kleinen westfälischen Gemeinde annahm. Als hier Einsparungen drohten, bewarb er sich mit Erfolg auf die Vareler Küsterstelle.

Ein Glück für die Vareler Kirchengemeinde, denn nicht nur Dietmar Immel öffnet hier seit gut neun Jahren Türen. Seine Frau Andrea öffnet dreimal in der Woche die Tür des Weltladens, in dem sie Waren aus fairem Handel anbietet.

Bereut hat die Küsterfamilie den Wechsel nach Varel nicht. „Hier wird es nie langweilig“, betont Dietmar Immel.


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