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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Denn Man Hat Kein Zweites Leben: Unfallopfer aus Lastrup klärt Jugendliche auf

05.06.2015

Lastrup /Cloppenburg Und dann liegt da plötzlich ein Brief aus Berlin im Postkasten, extragroßer Umschlag, goldener Adler, Schnörkelschrift: „Der Bundespräsident bittet Frau Michaela Meyer zur Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Tag, Uhrzeit, Adresse. Schloss Bellevue.

„Wahnsinn“, sagt Michaela Meyer: „Berlin.“ Sie hat sich erst einmal einen neuen Anzug gekauft, ihr Freund auch. „Ich war noch nie in Berlin“, sie staunt noch immer, „beim Bundespräsidenten schon gar nicht.“

Man weiß eben nie, was im Leben als Nächstes passiert.

Eine Discofahrt

Da sind zwei junge Menschen, ein Mädchen und ein Junge, beide 18. Morgens haben sie noch gearbeitet, das Mädchen hatte gerade erst eine Lehre begonnen: Kunstglaserei. Egal, es ist Sonnabend, da muss man abends los; in Cloppenburg hat diese neue Disco aufgemacht, „Bel Air“. Im „Bel Air“ ist es viel zu voll, sie fahren weiter, von Disco zu Disco, am Ende landen sie in Löningen im „Madhouse“. Es ist fast Morgen, als sie sich endlich in ihren Polo setzen.

Komisch, woran man sich so erinnert, sagt Michaela Meyer, sie ist jetzt 32: „Wir hatten einen Bekannten nach Hause gebracht. Ich bin ausgestiegen, ich sage: Wir sehen uns morgen wieder.“ Sie sahen sich morgen nicht wieder.

Am 12. November 2001 schrieb die NWZ : „Bei einem Unfall auf der B 213 bei Löningen (Kreis Cloppenburg) sind in der Nacht zum Sonntag zwei Menschen schwer verletzt worden. Nach Angaben der Polizei war der 18 Jahre alte Fahrer mit seinem Wagen von der Straße abgekommen.“

Gerade Strecke, Michaelas Freund war kurz eingenickt am Steuer. Es gibt ein Foto vom Unfallauto: zwei Teile, der Motorblock fehlt, wo der Beifahrersitz sein sollte, steht ein Baum.

Ein Rettungshubschrauber flog Michaela Meyer nach Oldenburg ins Krankenhaus.

Ihre Verletzungen? „Wie viel Zeit hast Du?“, fragt Michaela. „Bis Mitternacht? Ich kann Dir besser sagen, was nicht kaputt war: mein Gesicht und meine Arme!“

Sie zählt dann doch ein paar Verletzungen auf: Schädelhirntraum 3. Grades. Lungenriss. Leberriss. Blasenriss. Zertrümmerte Kniescheibe. Beckenring gebrochen. Großer Weichteilverlust. „Hier“, sagt sie, „guck’ selbst“, sie krümelt das linke Hosenbein hoch. Haut, Knochen, Narben.

Koma, fünf Monate lang. Ein völlig anderes Leben, fast 14 Jahre schon. Die Kunstglaserei musste sie aufgeben. Ihre Hand ist zu unruhig, ihre Konzentration lässt zu schnell nach. Sie ist verrentet.

Der nächste Einsatz

In der Schule machen sie es immer so: Achim Wach (53), ein Polizeibeamter, erzählt von seinem Streifendienst früher. Schlimme Unfälle, immer wieder, 100 Tote pro Jahr, allein in Cloppenburg. „Da hat sich viel getan“, sagt Wach den Schülern, „mittlerweile sind wir bei 19 Toten pro Jahr, in Cloppenburg und Vechta.“

Nichts getan hat sich bei den Unfallopfern, sagt Wach dann, es sind immer noch die jungen Leute, genauso wie früher. 18-Jährige, wie Michaela Meyer und ihr Freund. Die Unfallgründe? „Unerfahrenheit“, schlagen die Schüler vor. „Risikobereitschaft.“ „Imponiergehabe.“ „Alkohol.“ „Drogen.“ Und, immer öfter: „Ablenkung.“ Das Handy.

Almut Opolka, 49 Jahre alt, stößt dazu. Opolka ist Notärztin, sie kommt mal wieder direkt vom Einsatz: Ein Kleinbus mit Erntehelfern ist gegen einen Baum geprallt, wieder bei Löningen. „Ist glimpflich ausgegangen“, sagt Opolka.

Opolka rettete 2001 Michaela Meyer das Leben. Sie hat Fotos mitgebracht, von Michaelas Unfall, von anderen Unfällen, zu denen sie gerufen wurde. Ihre Botschaft: Ihr habt kein zweites Leben im Kofferraum, ihr habt keinen zweiten Körper. „Arme und Beine können abreißen“, sagt sie, „Köpfe zerplatzen.“

Ihr glaubt, das kann euch nicht passieren? Opolkas Unfallopfer waren nur kurz auf dem Weg zu McDonald’s. Sie waren auf dem Schulweg. Sie kamen von der Disco. „Ein Sekundenbruchteil“, sagt Opolka, „und das Leben ist nie wieder so wie vorher.“

Auftritt Michaela Meyer.

„Ich bin das Sahnehäubchen“, sagt sie und lacht. Ein bis zwei Schulstunden, für mehr reicht ihre Kraft nicht.

Ein anderes Leben

Man weiß nie, was im Leben als Nächstes passiert? Da war ein Verkehrssicherheitsberater der Polizei, Achim Wach heißt er. In einer Schule schlug ihm ein Lehrer vor, doch mal einen Unfallfahrer vor die Klasse zu stellen, der einen Menschen totgefahren habe. Wach erschrak: Das geht doch nicht! „Aber ich kenne eine Notärztin“, sagte er schnell. Die Notärztin heißt Almut Opolka, sie kannte ein Unfallopfer, das gerade langsam wieder ins Leben zurück fand. Das Unfallopfer heißt Michaela Meyer. So entstand das Projekt „Mit Unfallopfer und Notärztin an die Front“ für Schüler ab der 10. Klasse, 2005 war das. „Das Projekt ist einzigartig in Deutschland“, sagt Wach stolz. „3000 Schüler erreichen wir damit mittlerweile pro Jahr.“

Michaela Meyer sitzt zu Hause in Lastrup in ihrem Rollstuhl, sie hat Obstkuchen besorgt. An der Wand hängt ein Kunstglasbild („aus meiner Ausbildung“, sagt sie), am Kühlschrank kleben Autogrammkarten. Morgenmän Franky. Torfrock. Mit ihrem Lebensgefährten Karsten Brinkmann (38) fährt sie gern zu Konzerten.

„Ich dreh’ mich kurz um, schon ist sie wieder weg“, stichelt Brinkmann.

Michaela lacht.

„Aber ich weiß ja, wo ich sie finde“, sagt Brinkmann: „Im Backstagebereich. Weil sie sich schon wieder mit dem Star persönlich angefreundet hat.“ Michaela kichert.

Die beiden sind seit acht Jahren ein Paar, „ich habe sie so kennengelernt“, sagt Brinkmann.

Gibt es einen Sinn?

Ja, kontaktfreudig ist sie, lobt Achim Wach, der Polizist. Humorvoll. Locker. Direkt.

Die Schüler schweigen, wenn Michaela von ihrer Discofahrt von 2001 erzählt. Manche weinen.

An ihren Unfall erinnert sich Michaela nicht. „Manchmal träume ich von Blaulicht“, sagt sie, „von Bäumen, die auf mich zu kommen.“

Michaela erinnert sich aber an die viele Ergotherapie. Musiktherapie. Psychotherapie. Physiotherapie. An das Haus, das umgebaut werden musste. An den Pflegedienst, der jetzt regelmäßig kam. Und an ihren alten Freundeskreis, der sich bald auflöste.

Die Schüler fragen Michaela nach ihrer Telefonnummer. Nach ihrer Adresse. Sie wollen ihr Facebook-Freund werden.

Kann ein Unglück wie das von Michaela so etwas wie einen Sinn haben?

„Ich glaube, mein Sinn liegt darin, dass ich andere Jugendliche warnen kann“, sagt sie.

Die Ärzte sagten, sie würde sterben. Sie starb nicht. Die Ärzte sagten, sie werde nie wieder laufen. „Ich will wieder auf eigenen Beinen stehen“, sagt Michaela, „irgendwann.“

Jetzt muss sie aber packen. Für Berlin, für den Bundespräsidenten. Der Rollstuhl muss mit, der neue Anzug. Und die ganze Lebensfreude der Michaela Meyer: Sie will sich die Stadt angucken, „ich war ja noch nie in Berlin“.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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