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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Der Stein, der vom Himmel fiel . . .

22.08.2013

Bissel /Beverbruch Da stehen Kaffeemühlen in den wandhohen Regalen, Schreibmaschinen, Vogelkäfige, Teekannen, Geigenkoffer, Bügeleisen und Röhrenradios, und dann öffnet Professor Meiners die Holztüren zwischen den Regalen und zeigt auf noch mehr Regale, auf jeder Borte lagern Kartons, kleine, mittlere, große, manche von ihnen tragen vierstellige Nummern, andere sind unbeschriftet. „Tja“, sagt Uwe Meiners (60), er lächelt ein bisschen hilflos, „hier muss er irgendwo sein.“ Hier im Keller der Münchhausenscheune. Oder in einem der 19 anderen Depots des Museumsdorfs Cloppenburg.

Zwei passende Teile

Erst knallte es, dann dröhnte es. Es klang wie ein Luftschiff, eine Dreschmaschine oder wie Artilleriefeuer, die Ohrenzeugen waren sich da später nicht ganz einig, aber der Landwirt Johann Schnieders zog jedenfalls den Kopf ein auf seinem Fahrrad. Da schlug rechts neben dem Weg auch schon etwas in den Boden, Sand spritzte auf. Es war Mittwoch, der 10. September 1930, die Uhr stand auf Viertel nach zwei.

4400 Meter weiter nordwestlich hatte ein noch kräftigerer Schlag gerade den Schäfer Klemens Bley aus seinem Nickerchen gerissen. Er sah Heidestücke durch die Luft fliegen, seine Schafe stoben ängstlich auseinander.

Bley holte eine Schaufel, dann grub er einen 11,73 Kilogramm schweren Stein aus, er lag eineinhalb Meter tief in der Erde. Landwirt Schnieders barg kurz darauf einen 4,84 Kilogramm schweren Stein. Später stellte sich heraus, dass die beiden Teile exakt zueinander passten.

Die Steine waren buchstäblich vom Himmel gefallen – das erklärten die Fachleute, die in den nächsten Tagen in die Erdlöcher guckten. Sie gehörten zu einem Steinmeteoriten, sagten sie, einen sogenannten Chondriten, der in vier Kilometern Höhe auseinander gebrochen sei. Möglicherweise stamme er vom Asteroiden Eros, genau wisse man so etwas nie, jedenfalls sei er so alt wie unser Sonnensystem, nämlich 4,5 Milliarden Jahre. Die Fachleute tauften den Stein „Oldenburg“.

Sehr zum Ärger übrigens der heutigen Meteoritenfans. Die nennen die Bruchstücke trotzig „Bissel“ und „Beverbruch“ – nach ihren Fundorten in den Gemeinden Großenkneten und Garrel. So wie es eigentlich üblich ist in der Meteoritenforschung.

72 deutsche Meteoritenfunde sind in der „Meteoritical Bulletin Database“ verzeichnet. Der Fund von „Bissel“ und „Beverbruch“ gilt unter Meteoritenfans als herausragend, bedeutender noch als der Fund von Deutschlands größtem Steinmeteoriten „Benthullen“. „Das ist weltweit ganz selten, dass Meteoriten neben zwei Augenzeugen landen“, schwärmt etwa Dieter Heinlein (57) vom privaten „Bavarian Meteorite Laboratory“ in Augsburg. Der Physiker sammelt seit 35 Jahren Meteoriten, dafür reist er durch die ganze Welt. Auch bis Bissel und Beverbruch ist er gekommen, doch dazu später mehr.

Fünf Kilometer und 83 Jahre vom „Bissel“-Fund entfernt sitzt Dirk Faß (58) in seinem Haus voller Bücher, Zeitungen und Papiere. Faß, ein ehemaliger Postbeamter, ist ehrenamtlicher Archivpfleger der Gemeinde Großenkneten. Zur 200-Jahr-Feier des Dorfes Bissel Ende August hat er einen wichtigen Job übernommen: Er soll den Meteoriten Bissel zurückbringen, damit er beim Dorffest gezeigt werden kann.

Mit dem Bollerwagen

Das hat schon einmal geklappt, 1995 war das. Faß lieh den Stein aus dem Museumsdorf Cloppenburg aus. Die Gemeinde musste den Stein versichern, Faß unterschrieb viele Formulare, „ordentlich mit Doppeldurchschlag“, betont er. Den Meteoriten bewahrte er unter seinem Bett auf, damit er nicht gestohlen wird. Das war schlau; nach der Ausstellung konnte er ihn unversehrt wieder beim Museum abliefern.

Einige Meteoritenfans sagen heute, Faß hätte den Stein lieber behalten sollen.

Er legt einen Aktenordner auf den Tisch. Zeitungsartikel und Briefwechsel zeichnen die Spur des Steines nach. Landwirt Schnieders und Schäfer Bley haben ihren Fund demnach an den Dorflehrer Konrad Meyer aus Nikolausdorf verkauft. Der gab die Steine weiter an das Museumsdorf: „Beverbruch“ als Leihgabe, „Bissel“ zum Eigentum. „Beverbruch“ wurde dann später von einer Erbin Meyers an einen Sammler in aus Bayern verkauft. Über den Preis vereinbarte man Stillschweigen, „aber eine schicke Limousine kann man sich dafür schon kaufen“, verrät Meteoritenforscher Dieter Heinlein, der den Besitzer kennt.

Und so kam Heinlein nach Beverbruch: Als das Dorf 2012 sein 175-jähriges Bestehen feierte, reiste er mit Frau, Kindern und Leih-Meteorit zum Festumzug an. Alle vier trugen T-Shirts mit einem Bild des Meteoriten, den Stein zogen sie im Bollerwagen hinter sich her. Es regnete.

In seinem Gasthaus steht der Beverbrucher Wirt Otto König (58) an der Theke und lacht: „Ja, das war ein Ding!“ König, Vorsitzender des Bürgervereins, wollte eigentlich die beiden Meteorit-Bruchstücke zum Dorffest wiedervereinen, aber daraus wurde nichts, „,Bissel‘ war ja nicht zu finden“.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2000 aus dem Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch, es zeigt „Bissel“ in einer Vitrine der Meteoritenausstellung. Das ist die letzte Spur des Steins.

Anfang 2012 plante das Landesmuseum eine zweite Meteoritenschau. Es fragte im Museumsdorf Cloppenburg an, ob es den Stein „Bissel“ erneut leihen könne. Na klar, hieß es im Museumsdorf – aber als man den Stein aus dem Depot holen wollte, war er nicht dort, wo er sein sollte.

Wenig später fragte Otto König aus Beverbruch in Cloppenburg an, ob er den Stein ausleihen könne.

Und dann kam auch noch Dirk Faß aus Bissel.

In seinem Direktorenbüro sagt Professor Dr. Uwe Meiners: „Das ist sehr, sehr ärgerlich.“ Er geht davon aus, dass der Stein im Museum von einem Mitarbeiter falsch abgelegt wurde, „so etwas kann vorkommen“. Allerdings gibt es keinen Nachweis darüber, dass der Stein je aus Oldenburg zurückgegeben wurde. „Es gibt keinen Vorgang mehr darüber.“ In beiden Häusern werde nun „intensivst“ nach dem Stein gefahndet.

In Oldenburg vergleicht Meiners’ Kollege Dr. Peter-René Becker (63) Museen mit einer Bibliothek: „Wenn da ein Nutzer ein Buch ins falsche Regal stellt, dann finden Sie das nur bei der Inventur wieder. Oder durch Zufall.“ Becker sagt, er arbeite seit über 30 Jahren in Museen, „da ist noch nie etwas weggekommen“.

„Der Stein ist nicht weg“, sagt auch Professor Meiners. Er geht in die Münchhausenscheune, an der Kellertür steht „Archiv“. Im Regal liegen Lampenschirme, Uniformjacken, Quetschkommoden. Und Kartons. „Wir heben jeden Deckel hoch“, beteuert Meiners. 200 000 Objekte gibt es in seinem Museum, und irgendwo dazwischen muss ein Stein liegen, „ungefähr so groß wie eine Steinaxt“.

Es gibt noch Hoffnung

Der Heimatforscher Dirk Faß schüttelt den Kopf: „Da fehlen mir die Worte.“ Otto König aus Beverbruch sagt: „Ich kann nicht verstehen, wie man mit diesen Objekten umgeht. Irgendjemand muss dafür geradestehen!“ Und Dieter Heinlein, der Meteoritenforscher, schimpft: „Seit 18 Monaten sucht man nun nach diesem wunderbaren Objekt. Das ist jetzt ein Fall für die Staatsanwaltschaft.“

Das Dorfjubiläum wird wohl ohne Meteorit gefeiert werden müssen, befürchtet Dirk Faß. Professor Meiners allerdings sagt: „Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.“ Dann wird sein Ton schärfer: „Aber eines sage ich ganz klar: Ein solches Stück zieht man nicht im Bollerwagen durch die Gegend! Für einen solchen Zweck würden wir es nicht zur Verfügung stellen.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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