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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

„Das Leben geht weiter, aber an anderer Stelle“

02.11.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-11-02T11:36:01Z 280 158

Unterwegs Mit Einer Trauergruppe:
„Das Leben geht weiter, aber an anderer Stelle“

Oldenburg/Hasbruch Trauer ist ein Raubtier. Es lauert im Garten beim Ranunkelstrauch, den hält nämlich ein Knoten: Thilos Knoten, Palstek natürlich, Thilo war ja Segler. Erika geht nur kurz in den Garten, sie entdeckt den Knoten, und schon fällt es sie an, das Tier; es drückt ihr den Hals zu, es beißt ihr ins Herz.

Trauer ist ein Lederriemen. Jemand hat ihn Inge um die Brust geschnürt, und jetzt zurrt er ihn enger und enger, „wie bei so einer Fischdose“, sagt Inge. Wie lange wird ihre Luft noch reichen?

Trauer ist ein Wirbelsturm. Er bläst die Zukunft um und die Vergangenheit, er fegt das Haus leer und das Herz, er weht die Zeit fort. Stunde um Stunde saß Rainer am Fenster und starrte ins Leere, irgendwann wurde es dunkel, und Antje war trotzdem nicht da.

„Das ist meine Trauer!“

Rainer, 57 Jahre alt, geht voran. Aus den Eichenkronen tropfen letzte Sonnenkleckse in den Hasbruch, Herbstlaub knistert unter Wanderschuhen. Rainer sagt: Drei Jahre ist seine Frau jetzt tot. Sie hatte Krebs, es dauerte nur drei Monate, Antje starb im Hospiz.

Bei Inge, 63 Jahre alt, ist es knapp ein Jahr her, dass Walter starb, ihr Mann. „Der Jahrestag kommt“, sagt sie.

Der Mann von Erika, 62 Jahre alt, ist vor zehneinhalb Monaten gestorben. „Es fühlt sich so frisch an“, sagt sie.

Als er vier Monate tot war, rief Erikas Schwester an. „Ich kann gar nicht verstehen, dass du immer noch so traurig bist“, sagte sie. Erika wurde wütend. „Das ist meine Trauer – ich gehe damit um, wie ich will!“

Gibt es Regeln, wie man das richtig macht: trauern? Wie lange darf man traurig sein? Wann darf man lachen und wann weinen? Was ist, wenn man man glaubt, Tanzen hilft geht Trauer?

„Haltet mal an“, sagt Anna Wiechmann-Faida. Sie zeigt auf die mächtige Friederiken-Eiche, 1200 Jahre alt und angeblich die zweitälteste Eiche Deutschlands: „Schaut, da links ist etwas abgestorben, und da rechts wächst Neues. Das Leben geht weiter, aber an anderer Stelle.“

In der Tabuzone

Anna Wiechmann-Faida, 61 Jahre alt, ist Trauerbegleiterin. Viele Jahre lang war es ihr Job, das Sterben aus der Tabuzone zu reißen. Sie gehörte zu den Motoren der Hospiz-Szene; lange war sie Geschäftsführerin des Hospizes St. Peter in Oldenburg. „Wir sind weit gekommen“, sagt sie. Begriffe wie Sterbebegleitung oder Palliativmedizin zählen heute zum allgemeinen Wortschatz.

Aber etwas fehlte noch.

Wenn das Sterben vorüber ist, bleibt fast immer jemand zurück. 925 239 Menschen sind im Jahr 2015 in Deutschland gestorben – wie viele Trauernde macht das? Wer hilft diesen Menschen?

Serie „Ehrensache“: Zwei Jugendliche, der Tod – und ganz viel Sensibilität

Tabuthema Trauer: Anteilnahme ist der beste Balsam

Wiechmann-Faida übernahm die neue Stabsstelle „Trauer“ im Hospiz St. Peter. Jetzt ist es ihr Job, die Trauer aus der Tabuzone zu zerren: Mit drei Honorarkräften und acht Ehrenamtlichen begleitet sie Trauernde bei Angeboten, die „Trauer und Kunst“ heißen, „Trauer und Kochen“, „Trauer und Reisen“. Oder „Trauer und Wandern“.

Alte Rituale

Erika hat eine Karte vom Hasbruch mitgebracht. Früher brauchte sie so was nicht, sagt sie, „dafür hatte ich meinen Mann, der hatte immer die Karte im Kopf“.

Früher: 40 Jahre waren Erika und ihr Mann zusammen. Jeden Mittag hat er Kaffee gekocht für sie beide. Seit er tot ist, mag Erika keinen Kaffee mehr trinken.

Neulich kaufte sie zwei Schrippen beim Bäcker. „Und?“, fragte der Bäcker: „Auch noch zwei Bio-Brötchen für Ihren Mann?“

Der Hals, das Herz! Das Raubtier lauerte diesmal hinter dem Bäckertresen.

Aber heißt es nicht immer, die Zeit heile alle Wunden?

Da verdrehen sie die Augen im Hasbruch, Rainer, Inge, Erika und die anderen: Petra zum Beispiel, die vor sieben Jahren ihre Tochter verlor; Thomas, dessen Mutter vor kurzem starb; Tanja, die um ihre beste Freundin trauert.

Trauer, sagt Anna Wiechmann-Faida, ist individuell. Man darf nicht sagen: Mutter-Trauer ist schlimmer als Freundin-Trauer. Man darf auch nicht sagen: Nach einem Jahr in schwarzer Kleidung ist es genug. Trauer, sagt die Trauerbegleiterin, kann man nicht vergleichen.

Dunkle Kleidung, Grablegung, Sechs-Wochen-Messe – manchen Menschen helfen alte Rituale. Andere brauchen neue Rituale, neue Wege, neue Menschen.

Trauer ist auch: Neurobiologie. Stresshormone werden ausgeschüttet, Botenstoffe fallen aus, die Durchblutung stockt, ausgelöst durch die Alarmsituation. Rhythmus-Störungen im Gehirn: Schlafen und Wachen gerät aus dem Takt, Essen und Trinken, die Atmung. Der Körper schmerzt, der Hals, das Herz.

Norbert Mucksch, 56 Jahre alt, katholischer Theologe und Sozialarbeiter aus Coesfeld, ist Vorstand im Bundesverband Trauerbegleitung. „Es ist wichtig, auch das zu verstehen: dass das alles normal ist – und nicht verrückt.“

Eines ist Trauer nämlich nicht: eine Krankheit. Aber blockierte Trauer kann krank machen, davon ist Trauer-Experte Norbert Mucksch überzeugt. Ebenso wie Anna Wiechmann-Faida: „Nicht verarbeitete Trauer führt ganz oft zu Depressionen.“

Aktuell gibt es den Versuch, die „lang anhaltende Trauerstörung“ in den Katalog der Erkrankungen aufzunehmen: in die ICD-Liste, die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Mucksch ist nicht glücklich darüber, er hält den Begriff für falsch: „Trauer ist nicht die Störung.“ Seiner Ansicht nach brauchen Trauernde keine Psychopharmaka, sondern etwas anderes: „die verständnisvolle, akzeptierende, wohlwollende Atmosphäre einer Gruppe“.

„Das bleibt, für immer“

Zehn Kilometer sollen es heute sein im Hasbruch, vier Stunden, vielleicht fünf. Rainer geht voran, noch immer. Drei Jahre tiefe Trauer – „dass ich normal bin, das weiß ich“, sagt er. Manche Leute sagen, man könne fünf Jahre lang von „frische Trauer“ sprechen. Und Erika ist überzeugt: „Das bleibt für den Rest meines Lebens.“

Ja, sagt Norbert Mucksch, das muss es auch: Die Trauer ist doch ein Ausdruck von Liebe zu diesem Menschen! Das Ziel kann nicht sein, die Trauer loszuwerden – die Trauer muss sich wandeln!

Stopp! Im Hasbruch zeigt Anna Wiechmann-Faida nach rechts, ein riesiger Ast, abgebrochen, hängt in der Luft. „Er ist gefallen – aber er wird gehalten von zwei anderen Bäumen.“

Rainer erzählt von seinem großen Freundeskreis. „Das hilft“, sagt er. „Aber nachvollziehen, was mir passiert ist, das gelingt nur Leuten, die das auch erlebt haben.“ Andere Leute schafften es häufig ja nicht einmal, irgendetwas zu ihm zu sagen.

Oh ja, sagt Petra (57). Einmal, da ging es Chrissy, ihrer Tochter, schon sehr schlecht, traf sie eine Bekannte in einem Kaufhaus. „Wie geht es denn Chrissy?“, fragte die Frau. Petra konnte nicht antworten, sie musste so weinen. Die Frau floh, „sie rannte förmlich weg“, sagt Petra.

Neue Wege

Trauer soll bleiben als Ausdruck von Liebe – aber bitte nicht als Raubtier, als Lederriemen, als Wirbelsturm.

Trauernde, glaubt Anna Wiechmann-Faida, müssen deshalb Neues ausprobieren. „Das Alte stimmt nicht mehr, die alten Ziele passen nicht mehr“, sagt sie.

Zehn Kilometer im Wald, vier Stunden wandern, da ist Zeit für viele Worte.

Rainer erzählt, dass er jetzt Klavierspielen lernt. Das ist sein neues Ziel; ein Ziel, das nichts mehr mit Antje zu tun hat. Bald will er nach Borkum fahren, zum ersten Mal allein; er war so oft mit Antje dort. „Mal schauen, wie das wird“, sagt er und lächelt schief.

Und die anderen?

„Es fühlt sich so an, als ob meine rechte Körperhälfte fehlt“, sagt Erika.

„Ich befinde mich gerade auf dem Weg in den Keller“, sagt Inge.

Trauer kommt in Wellen, sagt die moderne Trauerforschung. Sie springt plötzlich aus der Ranunkel. Sie schnürt einem zum Jahrestag die Luft ab, sie bläst alles um.

Aber Rainer, seit drei Jahren allein, sagt auch: „Der Sturm hat sich ein bisschen gelegt.“


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