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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Die falschen Federn der Liwwät Böke

09.02.2013

Oldenburg /Neuenkirchen Er habe da in seiner Garage diesen Sensationsfund gemacht, berichtete Vincent Boeke eines Tages seinem entfernten Verwandten Luke B. Knapke in Minster, Ohio: Hunderte doppelseitig beschriebene Seiten mit Zeichnungen und Texten, die meisten davon auf Plattdeutsch, verfasst von der aus Deutschland eingewanderten Urgroßmutter Liwwät Böke, geborene Knapke. Luke B. Knapke, ein pensionierter Lehrer, übersetzte die Texte und machte ein Buch daraus: „Liwwät Böke, 1807-1882: Pioneer“, es erschien 1987.

Die amerikanischen Wissenschaftler waren begeistert. Das Buch gehöre in „jede private oder öffentliche Bibliothek“, lobten die Rezensenten; es handle sich um ein „packendes Meisterwerk“, geschaffen von einer „kreativen Künstlerin, scharfsichtigen Autorin, Poetin in Platt- und Hochdeutsch, begabten Historikerin, Pionierin“, kurz: von der „ersten emanzipierten Frau Ohios“.

Fasziniert war auch ein Oldenburger Professor. „Ich habe das Buch sofort in einer Lehrveranstaltung eingesetzt“, sagt Antonius Holtmann: „Die plattdeutsch schreibende Tochter eines Heuermanns aus Neuenkirchen – das war schon was!“

Echte Frau, falscher Text

Doch dann meldete Holtmanns Uni-Kollege Marron C. Fort, ein Amerikaner aus Ohio und Plattdeutsch-Experte, Zweifel an. Weshalb habe Liwwät Böke auf einer angeblich 1835 selbst gezeichneten Landkarte Wilhelmshaven eingetragen, das doch erst 1869 seinen Namen erhielt? Und wieso schreibe sie in Briefen an einen Bischof über Sex? „Deutsche Katholiken diskutierten nicht über Sex im 19. Jahrhundert, und hier in Oldenburg tun sie es heute noch nicht!“

Naja, entgegnete Holtmann: Den Namen Wilhelmshaven könnte die Verfasserin doch nach 1869 nachgetragen haben auf ihrer Landkarte. Und was den Sex angehe, „manche Menschen sind ihrer Zeit eben voraus“.

Aber er war misstrauisch geworden. Sollte er tatsächlich einer Fälschung aufgessen sein?

Im Archiv des Bischöflich-Münsterschen Offizialats am Vechtaer Karmeliterweg lagert in einem feuer- und klimageschützten Raum das Kirchenbuch Nr. 5 der Sankt-Bonifatius-Kirche Neuenkirchen. Dort steht auf Seite 131 an fünfter Stelle der Taufeintrag für „Margaretha Maria Elisabetha Knapke“, geboren am 25. Juni 1807. Die Eltern lebten auf der Hofstelle des Bauern Bohne in Bieste/Neuenkirchen (Landkreis Vechta) in Leibzucht, das heißt: Sie hatten dort ihr Altenteil. Liwwät Böke gab es also wirklich.

In dem Buch von Luke B. Knapke steht, dass Liwwät später, vermutlich um 1935 herum, nach Amerika auswanderte. Sie heiratete dort Bernard „Natz“ Böke, geboren 1800 in Neuenkirchen, der etwas früher in die USA gereist war. Schriftliche Beweise gibt es dafür nicht, sagt Antonius Holtmann, aber dieser Teil der Geschichte dürfte wahr sein.

Einfach abgezeichnet

Holtmann, 77 Jahre alt, sitzt mal wieder in seiner holzgetäfelten Dachkammer in Friedrichsfehn. Das hier ist die Forschungsstelle „Deutsche Auswanderer in den USA“, genannt DAUSA. An der Wand hängen Amerikakarten und ein Blechplakat der „Kaiserlich Deutschen Post“, in den deckenhohen Bücherregalen lagern Bücher, die „American History“ heißen oder „America! America!“. Sogar fünf Bände „Lederstrumpf“ stehen dort.

Holtmann schlägt das „Liwwät“-Buch auf, Seite 167, „Pictures from my Childhood at Home“ heißt das Kapitel. Auf 17 Seiten hat Liwwät Böke hier das Leben in ihrer alten Heimat aufgezeichnet, die Schränke, die Stühle, die Werkzeuge, die Kleidung. Dann zupft Holtmann zwei Aufsätze des Oldenburger Malers Bernhard Winter aus dem Regal, „schauen Sie“, sagt er: Die Zeichnungen sind identisch. „Winter war elf Jahre alt, als Liwwät starb – Bernhard Winter kann nicht von Liwwät Böke, Liwwät Böke nicht von Bernhard Winter abgezeichnet haben.“ Er lächelt: „Das war der schlagende Beweis für uns – wir haben es hier mit einem Plagiat zu tun!“

Holtmann fand schnell weitere Beweise. Die Landkarte von 1835 zeigte nicht nur viel zu früh Wilhelmshaven, sie zeigte auch die Bremer Stadtgrenzen von 1939 und die Eindeichung bis Hooksiel, die 1974 fertiggestellt wurde.

Ein „Plattdütsker Katholisker Katekimüs“, den Liwwät angeblich als Schülerin von einer Vorlage aus dem „Jäohr 1545“ abgeschrieben haben will, gleicht auf Wort und Bild dem „Katholischen Katechismus, Ausgabe für das Bistum Münster“ aus dem Jahr 1956; sogar eine Fabrik mit rauchendem Schlot wurde mit abgemalt – im Jahr 1827.

Die falsche Liwwät schrieb in Sütterlin-Handschrift, die erst 1915 in Preußen eingeführt wurde. Ihre Zeitgenossen schrieben Kurrentschrift.

Liwwät soll in Lage die Klosterschule besucht haben, „die gab es nicht“, fand Holtmann heraus. Ebenso wenig wie die Hebammenschule in Osnabrück. Und die (plattdeutschen) Briefe an den (englischsprachigen) Bischof von Cincinnati, mit dem sie über Sex diskutieren wollte, die fanden sich nur in Vincent Boekes Garage, nicht aber in den US-Kirchenarchiven.

Wer war der Fälscher?

Holtmann informierte sofort die Historische Gesellschaft von Minster, Ohio, mit der Luke B. Knapke sein Buch herausgegeben hatte. Die Reaktion fiel scharf aus; man klagte über einen „Pinkelwettbewerb“ unter deutschen Professoren. Es gebe keinen Grund, die Echtheit der Schriften in Frage zu stellen, solange kein Fälscher präsentiert werde.

Wer also ist der Fälscher? „Ich gehe davon aus, dass Vincent Boeke der Fälscher war“, sagt Holtmann. Boeke habe vielleicht seine Familie aufwerten wollen, er hatte schon einmal selbst eine Familiengeschichte verfasst. Er habe auch das Oldenburger Münsterland besucht; angeblich habe er sich in Deutschland nach alten Büchern und Papieren erkundigt. „Aber das ist ein Gerücht“, betont Holtmann, der Wissenschaftler.

Gefragt werden kann Boeke nicht mehr; er starb 1984.

Keine Antwort aus USA

Auf Holtmanns Schreibtisch in der Dachkammer liegt das Märchen vom Hasen und Igel, „De Swienegel als Wettrenner“, erschienen 1853 in Hamburg. Liwwät Böke soll es 1832 geschrieben haben. Holtmann liest eine Textstelle vor, das Plattdeutsch holpert, wird unverständlich. „Solche Stellen mit schlechtem Deutsch kommen immer wieder mal vor“, sagt er: falsch abgeschrieben, falsch verstanden, falsch übersetzt. „Das bedeutet: Der Fälscher konnte schlecht Deutsch.“ So wie Vincent Boeke?

Antonius Holtmann macht einfach weiter, zurzeit aktualisiert er seinen Aufsatz „Kein Meisterstück oder: Wie Liwwät Böke mit fremden Federn geschmückt wurde“ um das Kapitel Hase und Igel.

Er sagt, man könnte natürlich moderne naturwissenschaftliche Verfahren anwenden: „Welche Tinte wurde benutzt? Welches Papier?“ Die Originale der Liwwät-Texte sollen ja bei Vincent Boekes Kindern liegen. Aber das Interesse an der Aufdeckung ist in den USA gering. Noch immer steht „Liwwät Böke“ in den US-Bibliotheken, noch immer wird sie in der Forschungsliteratur als Quelle genutzt.

Auf seine letzten drei Briefe an die Historische Gesellschaft in Minster erhielt Holtmann keine Antwort mehr.


Infos unter   www.dausa.de 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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