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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Die Lesenden und die Toten

07.12.2013

Barßel /Berlin Er geht gern auf den Friedhof, nach dem Joggen zum Beispiel, die meisten Toten dort kennt er schon lange. Da links liegt Herr Marcus, der Hertha-Fan, sein blau-weißer Schal winkt bei Westwind. Rechts herum kommt man zu „Marlene“, mehr verrät ihr schlichter Grabstein nicht über Marlene Dietrich, den Kinostar. Drei Schritte weiter dann der nächste Prominente, Helmut Newton, der Fotograf.

Am Friedhofskopf steht das Kolumbarium, die Urnenhalle, noch so ein Lieblingsplatz. Im Sommer hat er hier einmal Stühle rausgestellt und gelesen, aus „Probeliegen“ natürlich, seinem Buch über Tod. Vielleicht las er das Kapitel über seine Zeit als Sargträger bei Herrn Eibe; die Firma hat ihren Sitz drei, vier Querstraßen weiter, seit 103 Jahren.

„Hier“, sagt Torsten Körner, 48 Jahre alt, „möchte ich begraben werden.“

Das hier bin ich

Ist er düster? Morbide gar? Mindestens aber schwermütig? Torsten Körner lacht. „Ich bin schon eher der nachdenkliche Typ“, sagt er. Er zeigt nach vorn, da ragt die Ruppin-Grundschule über den Friedhof, jeden Morgen bringt er seine Töchter dort hin. Vorm Eingang sein Lieblingsbäcker, da hinten der Fußballplatz. „Das ist Leben hier für mich“, sagt er: Berlin-Friedenau, komm’ mit. Er zeigt das Rathaus und den Wochenmarkt und die Niedstraße, er zeigt die Stadtvilla von Günter Grass, nebenan wohnte übrigens der Schriftsteller-Kollege Uwe Johnson, Torsten Körner zeigt: Das alles hier bin ich.

„Die Familie Willy Brandt“

Für sein neues Buch „Die Familie Willy Brandt“ reiste Torsten Körner quer durch Deutschland und nach Norwegen. Er sprach mit den Brandt-Kindern Ninja, Peter, Lars und Matthias sowie mit zahlreichen Weggefährten Brandts. Für das Kapitel über Schauspieler Matthias Brandt wertete er NWZ -Theaterkritiken aus: Oldenburg war Brandts erste Bühnenstation. „Ich habe die Stadt sehr gemocht“, erzählte der Schauspieler Körner. Ebenso wie das Staatstheater.

Die Biografie „Die Familie Willy Brandt“ ist im Fischer-Verlag erschienen (512 Seiten) und kostet 22,99 Euro.

Das ist der Körnerstil, so zeigt er auch die anderen, Heinz Rühmann, Franz Beckenbauer, Götz George. Und jetzt die Familie Willy Brandt. Er radelte durch die Marinesiedlung am Schlachtensee, wo der Berliner Bürgermeister Willy Brandt lebte. Er fuhr nach Bonn, wo der Bundeskanzler Brandt arbeitete. Nach Oslo, wo Brandts Tochter Ninja lebt. Nach Oldenburg, wo Brandts Sohn Matthias am Staatstheater spielte. Und nach Zehlendorf zum Waldfriedhof, wo Rut und Willy Brandt begraben sind. Damit fängt sein Buch „Die Familie Willy Brandt“ an: Torsten Körner auf dem Friedhof.

Auch diese beiden Toten kennt er schon lange. Eine Körnererinnerung: Torsten ist sieben Jahre alt und klebt in Barßel, Landkreis Cloppenburg, Plakate: „Willy wählen“. Bundestagswahlkampf 1972; Vater Körner, ein Lehrer, der 1960 aus der DDR floh, hat sich in den SPD-Ortsvorstand wählen lassen. In einem VW-Bus fahren sie durch den Ort, Torsten passt hinten auf, dass der Leimtopf nicht umkippt.

In Körnerbüchern ist Torsten Körner immer dabei. Er spricht mit Schmidt und Genscher über Brandt, weiß aber: „Prominente legen immer dieselbe Schallplatte auf.“ Er findet es spannender, die Begegnung mit ihnen zu erzählen, um so hinter die gesagten Worte zu blicken. Also schreibt Körner, wie Körner da in Wachtberg bei Bonn vor einer Haustür steht, in der Hand Blumen für Frau Genscher: Anemonen.

Manchmal, glaubt er, hilft es, wenn Schriftsteller und Journalisten „Ich“ schreiben.

Mit Mantel und Locken

Na gut. Ich sehe Torsten Körner bei uns durch die Straße gehen, in Barßel, wo wir beide in der Lehrersiedlung aufwuchsen, er will zum Schulbus. Er trägt wie immer diesen Mantel („Oh ja, der Mantel, ein Salz-und-Pfeffer-Muster war das!“), dunkle, zornige Locken, den Kopf hält er gesenkt. Er ist drei Jahre älter als ich und deshalb unerreichbar. Vielleicht liegt es aber gar nicht am Alter.

„Das war eine schreckliche Zeit“, sagt er heute, „ich habe sehr unter der Schule gelitten.“ Zweimal blieb er sitzen. Mit einigen Lehrern am Albertus-Magnus-Gymnasium in Friesoythe sah er sich im Krieg, monatelang schwieg er im Unterricht, auch wenn die Lehrer fragten. Neulich traf er sie bei einer Lesung in Friesoythe wieder: „Total nette Leute.“

Er sang in der ersten Barßeler Heavy-Metal-Band (nicht sehr erfolgreich). Er spielte Fußball, erst beim STV Barßel, dann beim BV Cloppenburg (schon erfolgreicher). Am erfolgreichsten war er im Schreiben, regelmäßig veröffentlichte er in der Schülerzeitung Gedichte.

Sie hießen „Herbstgedicht“. Oder auch: „Großes Lippenbekenntnis des großen Milchmanns oder das Statement der gelogenen Unschuld“. Torsten Körner weiß das nicht mehr, mit 15 hat er alle seine Gedichte im elterlichen Garten in Barßel verbrannt, „in einem sehr pathetischen Akt“, wie er sagt. „Ich hatte gelesen, das machen Schriftsteller so“, sagt er. Er wollte Schriftsteller werden.

Ich habe die Gedichte noch. In der Friesoyther Schülerzeitung „Maulkorb“, Ausgabe 3/1982, finden sich auf den Seiten 59 bis 61 drei Körner-Gedichte. Ich schicke sie ihm, er ist gerade auf Brandt-Lesereise in Heidelberg. „Erschütternd, herrlich, köstlich“, schreibt er zurück.

Ich zog mit 16 weg aus Barßel, Torsten ging 1989 nach dem Zivildienst zum Studieren nach Berlin. Er promovierte über Heinz Rühmanns Filme, „um mehr Zeit zum Schreiben zu haben“, dann stand Rühmanns 100. Geburtstag an, und Dr. Torsten Körner schrieb seine erste Biografie. Acht weitere Bücher folgten, Körner wurde Jurymitglied beim Grimme-Preis, gewann selbst Preise.

Im Kapuzenpulli

Berlin-Friedenau, eine Altbauwohnung voller Bücher, Holzfußboden, Klavier. Gleich kommen die Körner-Töchter wieder, sie werden ihren Streit fortsetzen, es geht um den Adventskranz. „Das kann lauter werden“, warnt Torsten, „lass’ uns lieber rausgehen.“ Am Marktplatz gibt es ein Café mit Ohrensessel, „Tante Bertas Torten“ steht vorne dran. Unter dem Mantel (einfarbig, nicht Salz und Pfeffer) trägt Körner Kapuzenpulli.

Damals. Barßel. Bücher. Lesen, sagt Torsten Körner, stiftet Gegenwelten. Fluchtwelten. Seine Bücher holte er sich immer aus der katholischen Leihbücherei in Elisabethfehn. „Lesen stiftet andere Identitäten, die du nicht hast, aber gern hättest.“

Warum schreibt einer Bücher? Die Biografien waren spannend auch „auf der Begegnungsebene“, sagt Körner: Beckenbauer für den früheren Fußballer, Götz George für das Kind der 80er, „Schimanski war mein Held“. Mit Brandt (der Leimtopf!) wollte er das biografische Schreiben auf die Spitze treiben: noch literarischer, noch sprachbewusster sollte das Buch werden. „Ich habe alles ausgeschöpft.“

Eine gute Tat

Jetzt möchte er weg von fremden Personen und hin zur eigenen. Freier möchte er schreiben, subjektiver. Er sagt, er setze lieber das Fragezeichen als das Ausrufezeichen. „Wie kann man ein gerechtes Leben führen, wo wir von allen Dramen auf der Welt wissen?“, fragt er. „Wie kann man Empathie zeigen?“ Er arbeitete ehrenamtlich im Gefängnis, betreute eine alte Dame. Kann man mit Worten ähnlich Sinnvolles tun? „Irgendwann fragt man sich doch: Was habe ich eigentlich getan im Leben?“

Also gut, einmal noch. Ich weiß nicht mehr, ob ich es war oder mein jüngerer Bruder. Ein deutlich älterer Schüler will uns an den Kragen. Torsten, größer als wir, kleiner als der Schuft, sieht es und mischt sich ein: „Hör auf!“ Worte nur, aber der Schüler lässt von uns ab.

Torsten Körner schmunzelt über die Geschichte. „Das war doch schon mal gut, oder?“

Auf dem Friedhof klingelt etwas pietätlos ein Telefon, das Leben ruft an. Torstens Frau fragt: Wo bleibst Du? Die Kinder sind da, sie wollen essen, und die Sache mit dem Adventskranz muss auch noch geklärt werden. „Ich komme“, verspricht er.

Ein Friedhof. Ein nachdenklicher Typ. Herbstgedichte. Fragezeichen. „Ach ja“, sagt Torsten Körner zum Abschied, „stell’ mich nicht so weinerlich dar in Deinem Artikel.“ Dann lacht er und muss zurück in die Gegenwart.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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